Principle-Driven Skill Development

Principle-Driven Skill Development

Auf das Buch Principle-Driven Skill Development wurde ich von einigen sehr fähigen Budoka aus Süddeutschland aufmerksam gemacht (die sozialen Netzwerke sind doch zu etwas zunutze!). Während ich mich vorwiegend mit den Prinzipien der Bewegung beschäftige (darunter das sich Fallen lassen, Körperwahrnehmung, größer und kleiner werden, Impulsweitergabe, Ganzheitlichkeit usw.), bin ich bei dem Titel davon ausgegangen, dass das Buch mir mehr darüber verraten könnte. Und obwohl der Autor, Russ Smith, sich nur am Ende des Buchs mit einigen dieser Bewegungsprinzipien beschäftigt, bin ich dennoch keineswegs enttäuscht! Im Gegenteil: Dieses Buch nimmt einen besonderen Platz in meiner Bibliothek ein.

In diesem Buch geht es um die Prinzipien des Selbstverteidigung, also darum, wie man mit den Armen, Beinen und dem Körper, in den verschiedensten Situationen, gegen die Arme, Beine und den Körper des Gegners klar kommt. Die aufgezählten Prinzipien sind dabei, wie der Begriff es schon andeutet, universell. Es ist also egal welche Kampfkunst man ausübt, sie sind trotzdem gültig. Darum kann es einen SV-orientierten Shito-ryu Karateka egal sein, dass der Autor aus dem Goju-ryu kommt: Er/Sie wird die gleichen Prinzipien auch in der eigenen Kampfkunst wieder erkennen und anwenden können.

Zu den genannten Prinzipien gehören u.a.:

  • Strecke deine Techniken nach Bedarf („stretch your techniques as necessary“)
    • Das spricht für sich: Breche die Grenzen der exakten Winkelvorgaben auf, um das Ziel zu erreichen
  • Nächste Waffe, nächstes Ziel („closest weapon, closest target“)
    • Das, was dem Ziel am nächsten ist, sollte benutzt werden. Wozu deinen „Hikite“ einsetzen, wenn der vordere Arm bereits ganz nah am Kinn des Gegners ist?
  • Die drei Tore und drei Abschnitte („three gates and three segments“)
    • Nutze nicht nur die Hände, sondern auch die Handgelenke, die Unterarme, die Ellenbogen, die Oberarme und die Schultern, um deinen Gegner anzugreifen.
  • Kontrolliere zwei mit einem („control two with one“)
    • Nutze nur einen Arm, um beide Arme deines Gegners fest zu halten. So hast du immer noch einen Arm frei für den Angriff.

Es gibt noch viel mehr Prinzipien, die alle genau erklärt werden, mit Begleitfotos und umsetzbaren Übungen sowie Fehlerbildern und Tipps. Ich möchte hier nicht alles auflisten, um nichts vorweg zu nehmen. Alles, was ich sagen kann: Es ist eine SV-Enzyklopädie, ohne sich als solche zu bezeichnen. Ein Geheimtipp, ein Diamant, ein Muss in jeder Bibliothek!

Abgesehen von der Auflistung und Erklärung zahlreicher Prinzipien, behandelt das Buch das Prinzip des Lehrens, also der Vermittlung von Inhalten. Darin werden die Übungen nicht in beliebiger, sondern in einer sinnvollen Reihenfolge aufgezählt, mit Einbezug und Erklärung des Fortschritts eines Schülers. Es richtet sich also nicht nur an die Lernenden, sondern auch an die Lehrenden, die für ihre Schüler ein sinnvolles und nachvollziehbares Trainingsprogramm entwerfen möchten.

 

Im Fazit äußert sich der Autor folgendermaßen:

„Meiner Meinung nach fokussieren sich viel zu viele Lehrer und Übende der traditionellen Kampfkünste auf Übungen, die auf dem Auswendiglernen basieren, und vernachlässigen jene (in anderen Kampfkünsten und Kampfsportarten eingesetzten) Lehrmethoden, die stark „fertigkeitsorientiert“ sind. Ich glaube, dass es einen effektiven Weg für die traditionellen Kampfkünste gibt, ihre Würde innerhalb der Gesellschaft wieder zu erlangen: Indem der Fokus auf ihre ursprünglich beabsichtigte Nützlichkeit gelegt wird. Diese nützlichen Fertigkeiten erfordern unterstützende Lehrmethoden, die sich nicht zu sehr auf das Auswendiglernen konzentrieren.“

Für jemanden, der mit dem Buch nicht vertraut ist, könnte diese Behauptung utopisch erscheinen, doch ich kann garantieren, dass dieses Buch keineswegs nur eine weitere oberflächliche Anleitung mit Einzeltechniken ist. Es könnte die Entwicklung und das Training eines Menschen, einer Schule oder sogar aller traditionellen Kampfkünste enorm beeinflussen und verbessern. Und nein, ich übertreibe nicht.

Negative Aspekte: Die Formulierungen scheinen stellenweise ein bisschen zu sehr durch Mechanik und Mathematik inspiriert worden zu sein und manche Sätze sind etwas zu lang, mit zu vielen Kommata und Semikolons (noch mehr als bei mir)*. Dennoch ist das Buch ziemlich leicht lesbar und verständlich. Beim dem ein oder anderen dürfte es auf einen Nerv treffen, aber wer ehrlich mit sich selbst ist, erkennt die Wahrheit in den Worten. Nun bleibt es „nur“ noch das Gelernte praktisch umzusetzen. Dafür braucht man einen Partner. Wer keinen Trainingspartner hat, dem bleiben nur die wenigen Übungen am Ende des Buches, um die „Einheitlichkeit“ des Körpers für eine effektive Kraftübertragung zu trainieren. Darunter sind u. a. Übungen für die „kurze Kraft“, auch bekannt als Bruce Lees „one inch punch„, nur weniger sensationell und stattdessen logisch erklärt. Letzteres ist nicht wirklich negativ… Selbst wenn ich versuche das Buch kritisch zu hinterfragen, muss ich es loben!

Es ist einfach ein Buch für Menschen, die über Stilbegrenzungen hinaus schauen, die lernen möchten sich realistisch zu verteidigen und praktische Anweisungen brauchen, welche Zeitlos sind. Kata-Oyo-Bunkai, die einem beibringen wie man seinen Haarknoten schützt werden hier nicht aufgeführt (welcome to Okinawa of the 19th century), auch gibt es keine Anleitungen zum Fallen lassen des Körpers und der Ausnutzung der Schwerkraft (dafür gibt es andere gute Bücher). Aber es ist ein sehr gutes Buch für jeden Karateka, das kann ich nicht oft genug wiederholen. Go buy it!

 



* Die Verwendung des Covers wurde mir freundlicherweise vom Autor genehmigt.

** Übrigens ist mir so ganz zufällig zu Ohren gekommen, dass irgendjemand dabei ist dieses Buch ins Deutsche zu übersetzen***. Solltest du dir also das Englische nicht zutrauen, warte noch einige Monate ab. Wenn alles glatt läuft, wirst du die vollständig auf deutsch übersetzte und ergänzte Version in den Händen halten können!

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*** Ja, dieser jemand bin ich, aber ich kann dir garantieren, dass ich mit ganzem Herzen hinter diesem Projekt stehe. In meiner Rezension zähle ich nicht nur das Positive auf, sondern auch die Punkte, die mich anfangs irritiert hatten. Aber ich lernte damit umzugehen und beschreibe hier alles ganz ehrlich, ohne etwas verkaufen zu wollen. Ich glaube daran!