Braucht man als Fortgeschrittener noch Kihon?

Der Gedanke, dass Karate nur aus den drei Säulen Kihon, Kata und Kumite bestehen soll, ist heutzutage glücklicherweise immer seltener anzutreffen. Vielen Lehrern wird, dank der raschen Informationsverbreitung im Internet, klar, dass Karate wesentlich komplexer und vielseitiger ist als das.

Die Geburt des modernen Karate

Anko Itosu

Dem Leser dürfte bekannt sein, dass das Toudi-Training auf dem alten Okinawa im Prinzip nur aus Kata bestand (Higaki 2005: 14). Dies war aber wahrscheinlich etwas anders, als das heutige Solo-Kata Training. Da früher Kumite und Kata unzertrennlich waren (vgl. HAPV-Theory und so ziemlich alles, was Pat McCarthy sagt), nehme ich an, dass das Training der Anwendungen ebenfalls eine große Rolle spielte. Was es zunächst wohl nicht gegeben hat, war Kihon, so wie wir es heute kennen. Das Grundschultraining ergab sich damals aus den unzähligen Kata-Wiederholungen und dem tiefen Studium dieser. Die Isolierung einzelner Techniken und die Ausführung dieser in großen Gruppen und in Reihen ist wahrscheinlich größtenteils Anko Itosu und seinem Freund Yabu Kentsu anzurechnen.

 

Kentsu Yabu

Itosu, der von vielen als Vater des modernen Karate bezeichnet wird, ist verantwortlich dafür, dass Karate, nach vielen Jahren der Praxis in privaten Haushalten und hinter verschlossenen Türen, offiziell in der Schule unterrichtet wurde. Yabu Kentsu, der von seinen Schülern auch als Gunsō („Sergeant“) genannt wurde (Svinth 2001: 3f.), hatte eine erfolgreiche Militärkarriere hinter sich, bevor er begann Karate zu unterrichten. Ihm schreibt man zu, die militärische Etikette, also das Verbeugen vor der Halle, das Zarei und das Training auf Zählung auf Okinawa eingeführt zu haben (Madis 2002: 5). Dies sollte mehr Ordnung in die zu einer Fitnesssportart umfunktionierten Kampfkunst (Hiroshi 2001: 13) bringen und das gleichzeitige Training in großen Gruppen ermöglichen.

 

Die rebellische Laune

Es dürfte einen nicht wundern, wenn eine Person, die über Jahre einer bestimmten Richtlinie folgte und nun entdeckt, dass vieles davon auf falschen Tatsachen basierte, zunächst enttäuscht ist und aus einer rebellischen Laune alles aufgeben will und sich evtl. einer „neuen“ und exotischeren Idee, wie z.B. „Kyusho-Jitsu„, oder gar einer ganz anderen Kampfkunst verschreiben möchte. Wir kennen solch ein Verhalten aus vielen anderen Lebensbereichen. Diese Phase des „ich werfe das jetzt über Bord“ hatte ich auch schon mehrmals erlebt. Manchmal war die Umsetzung der Trennung (z.B. von meiner Zugehörigkeit an das ASAI-Karate) die bessere Entscheidung, in anderen Fällen könnte man jedoch so sehr von seiner Enttäuschung ergriffen sein, dass man versehentlich Dinge, die im Prinzip gar nicht so schlecht sind, aus seinem Training ausschließen möchte. Genau darum geht es in diesem Artikel.

Viele Karateka sind im Bunkai-Wahn gefangen. Nach vielen Jahren stellten sie fest, dass das tiefgreifende Studium einer Kata (Kata-Bunkai) und das Praktizieren der Anwendungen (Oyo) plötzlich doch wichtig sind und voller Elan machen sie sich daran alle möglichen Anwendungen aller Bewegungen in den Kata zu verstehen, von anderen abzugucken und die frohe Botschaft zu verkünden. In ihrem Bestreben verleugnen sie dann alles, was sie zuvor gemacht haben, u.a. die Solo-Ausführung von Kata und Grundschulübungen (Kihon). Ist doch klar: „Grundschule ist etwas für Anfänger. Wer bereits die Kataanwendungen übt, braucht so etwas nicht mehr.“

Falsch. Wer so denkt, schüttet das Kind mit dem Bade aus.

Erst neulich las ich in einer Facebookgruppe, dass man mit der Zeit immer mehr Anwendungen und immer weniger Kihon üben sollte. Mit Kihon, der Grundschule, meinte man in diesen Fällen natürlich das stumpfe hoch und runter laufen in Bahnen, welches man aus vielen Dojos kennt. Das Problem an der ganzen Angelegenheit ist, dass diese Leute in ihrer Enttäuschung und ihrem Enthusiasmus für das Neuentdeckte, Altes aufgeben wollen, ohne es komplett verstanden zu haben. Eine Quasi-Religion wird fanatisch durch eine andere ersetzt, während bei beiden nur die Oberfläche angekratzt wird. Schon bald folgt die nächste Enttäuschung, der nächste Wechsel und irgendwann schmeißt man alles hin und wird Pilates-Lehrer. Bis auch das irgendwann nervt…

Wie gesagt, ich spreche aus Erfahrung. Zum Glück begegnete ich aber den richtigen Leuten, die mir produktive Einsichten in das Karatetraining lieferten. Inzwischen versuche ich mehr zu den Wurzeln meines Trainings zurück zu kehren und zu schauen, wie ich diese optimieren kann. Damit will ich nicht sagen, dass meine Wurzeln (am Anfang war es JKA-Karate…) profund und voller Weisheit sind, sondern dass man aus dem, was man bereits kann, immer etwas sehr gutes machen kann, auch wenn es nachher ganz anders aussieht. Was heißt das nun auf das Kihon übertragen?

Am Anfang war es das Vorschreiten. Eine Bahn nach der anderen machte ich die gleitenden Halbmondschritte, bis es sich in das Unterbewusstsein eingebrannte. Heute versuche ich es umzulernen, weil ich feststellte, dass diese Technik für mich nicht mehr optimal ist. Nun führe ich die Techniken immer noch in Bahnen aus, versuche aber gerade Schritte zu machen und mit der Ferse aufzutreten. Also im Grunde genommen so, wie man es im alltäglichen Leben machen würde. Mein Werkzeug zum Umlernen ist nicht nur Kata, sondern auch Kihon und warum sollte es das nicht sein? Schließlich begünstigt dieses Training das motorische Lernen. Die einzige Voraussetzung ist: Man macht es bewusst. Wer sagt denn, dass ein Schwarzgurt schon alles kann und richtig macht? Gerade die Schwarzgurte, die sich nicht zu sehr mit ihrem Ego identifizieren, wissen, dass das Quatsch ist. Auch nach Jahren lernt man bereits Gelerntes wieder um und das kann man auch sehr gut in Bahnen machen.

Laufe ich die Bahnen nach Anweisung? Nein. Ich trainiere ganz alleine für mich, weil nur ich weiß, was gut und wichtig für mich ist… naja, und weil keine guten und qualifizierten Lehrer (für das was ich lerne) in meiner Nähe wohnen. Das ist also das Beste, was ich aus meiner Situation machen kann.
Aber gerade weil ich mein Kihon ganz alleine kontrolliere, entscheide ich über dessen Qualität.

Andere Beispiele für ein, an die eigenen Bedürfnisse angepasstes, Kihon sind:

  • Unterschiedliche Abwehrtechniken ausführen, während man, das Kniegelenk lockernd, sich nach vorne fallen lässt, anstatt sich hinten abzustoßen und somit Gebrauch von der Schwerkraft macht. Verbessert das Gefühl für das Nachgeben, die Gewichtsverlagerung, das Timing und die Nutzung der Schwerkraft.
  • Die Abwehrtechniken an ganze Kata-Sequenzen anpassen, also nicht nur Uchi Uke, sondern beispielsweise die ersten drei Techniken aus der Heian/Pinan-Nidan. So kann man jede Sequenz aus jeder Kata in Bahnen wiederholen und muss sich nicht neue Kombinationen ausdenken (so wie in den Prüfungsordnungen der großen Verbände).
  • Kihon, welches ganz bestimmte Fertigkeiten verbessern soll, z.B. das Drehen auf der Körperlängsachse. So habe ich eine Zeit lang 360°-Drehungen geübt, bis ich ihre Prinzipien verinnerlichte. In einer realen Selbstverteidigungssituation brauche ich so etwas natürlich selten, aber die Fertigkeit an sich verbessert die allgemeine Geschicklichkeit, genauso wie meine vor Jahren gesammelte Erfahrung in Breakdance noch heute mein Karate positiv beeinflusst.

Was ist also die Grundschule? Eine Isolierung von bestimmten Bewegungen. So gesehen könnte man sogar das Vorschreiten im Sanchin Dachi mit Nigiri Game (mit Sand gefüllte Vasen) als Kihon betrachten. Diese Übung zählt zum Hojo Undo und besitzt eher einen Charakter des Krafttrainings, aber es ist letztendlich eine isolierte Übung, die das Erlernen bestimmter Bewegungen, sowie das Verbessern der Fähigkeiten, fördern soll. Möchte ich z.B. meine Wahrnehmung und gezielte Aktivierung bestimmter Muskeln für das fallende Vorgehen trainieren, so mache ich das zuerst lieber viele Male hintereinander in Bahnen. Das unterscheidet sich zwar komplett von den Lehrinhalten in ca. 95% aller Dojos*, aber es ist immer noch Kihon. Das einzige Problem ist, dass es oft mit dem Kihon der o.g. Dojos gleichgesetzt wird und diesen Irrtum möchte ich hiermit aufdecken.

Wozu denn verfeinern?

Ist ja fast schon eine rhetorische Frage, aber wenn jemand wie ich über Selbstverteidigung und die hektische Realität redet, in der vieles ganz anders und unsauberer abläuft, als man es sich meistens vorstellt, und dann plötzlich darüber erzählt, dass man Bewegungen und Techniken durch Grundschule verfeinern soll, dann klingt es fast schon widersprüchlich, oder? Ist mit der Verfeinerung nicht diese von Wettkämpfern hochgepriesene Perfektion gemeint? Das passt doch gar nicht zur SV!

Aber ich meine nicht die „ästhetische“ Perfektion, denn sie ist nur oberflächlich. Ich meine das intensive Studium der Bewegung, der Gefühls, die Verbesserung des Gewichtsverteilung, der Kraftübertragung, der Energieersparnis, usw. bis ins kleinste Detail!

Ja, ein realer Kampf ist unsauber und ich würde weniger präzise und ruhig kämpfen, als ich es im Dojo mit meinem Partner simuliere, aber wenn diese Verfeinerung und Verbesserung der feinen Details die Chance, dass ich mich in der Realität richtig anstellen würde, um nur 1% verbessern könnte, dann lohnt sich das lange und intensive Training für mich. Wenn ich z.B. wegen der trainierten Kraftersparnis die Wahrscheinlichkeit, dass ich im Notfall eine halbe Minute länger durchhalten könnte, erhöhe, dann sind das 30 Sekunden, die womöglich über Leben oder Tod entscheiden.

Und am Ende ist das der Grund für meine Kampfkunst. Genau das trainieren wir doch! Reflexe. Wir schulen sie und hoffen, dass unser Training sich im Notfall als nützlich erweisen wird. Und außerdem ist so ein auf das Gefühl fokussiertes Training anspruchsvoller, als ein kraft-basiertes Training.

Wie sieht mein Kihon jetzt aus?

Wie bereits gesagt, übe ich zur Zeit das entspannte Auftreten mit der Ferse und gerade Schritte. Ich habe jahrelang das schleifen in Halbmondschritten gemacht, bis mir die Frage gestellt wurde „warum eigentlich?“ gefolgt von einer kulturhistorischen Erklärung. Tatsächlich ist das Auftreten mit der Ferse bei normalen Schritten (nicht bei Sprüngen und beim Laufen, logischerweise) für mich sehr vorteilhaft und imitiert die Art, wie ich normalerweise gehe. So würde ich die Schritte wahrscheinlich auch in einer Notwehrsituation machen, also sollte ich meinen Körper darauf vorbereiten. Das Auftreten mit dem Fußballen ist aber auch nicht verkehrt. Letztendlich ist es so, wie ich es im Artikel über Tritttechniken bereits geschrieben habe – situationsabhängig. Die Techniken müssen so trainiert werden, dass man in jeder noch so ungünstigen Körperposition die größte Effizienz aus ihnen holen könnte.

Was noch? Wenn ich einen Yoko Geri Kekomi in Bahnen übe, dann gehe ich nach vorne, mache den Tritt aber diagonal zur Seite und auf Kniehöhe, ähnlich wie in einigen Kata des Goju-ryu. Dazu mache ich eine Handbewegung, die das Lösen aus einem Griff am Kragen und einen Ellenbogenhebel simulieren soll, so wie man es aus einer Sequenz in der Heian Yondan kennen könnte.

Außerdem mache ich Floorwork wie z.B. Lizard Crawls und schnell abwechselnde Rollbewegungen, die nicht immer nach vorne verlaufen, sondern auch zu den Seiten. Einer meiner Lehrer würde das als Tanren bezeichnen, was der eigentliche Begriff für Verfeinerung ist, doch ich sehe das als eine Unterkategorie der Grundschule. All das ist für mich Vorbereitung und Mobilisierung meines Körpers, das ist Karate, das ist Kihon.

Wer Kihon in seinem Karate komplett aufgibt, weil er glaubt, dass es für immer die gleichen steifen Bewegungen sein müssen, die man schon als Weißgurt lernen musste, irrt sich. Neulich schrieb jemand in einer Gruppe, dass zwei seiner Bekannten Probleme mit den Hüftgelenken hatten und die Ärzte meinten sie dürften nie wieder Karate machen. Gemeint war in diesem Fall „ihr dürft nie wieder so weiter machen wie bisher“, denn die Ärzte wissen schließlich nicht, dass Karate sehr vielseitig ist und man sowohl gelenkschädigend (falsch) als auch gelenkschonend (richtig) trainieren könnte. Ist ja mit jeder Art der Bewegung so, sei es im Handball, Schwimmen oder Yoga. Wer dann denkt: „OK, da ich nur diese Form von ‚Karate‘ kenne, gebe ich es komplett auf“, ist selber Schuld. Wer aufhört zu lernen und ständig umzulernen, an dem geht das Leben vorbei.

 



*keine statistische Zahl, nur grobe Schätzung

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2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Wozu der „Bananen-Schritt“?
    Der direkte Weg ist die Gerade !

    Diese Diskussion hatten wir auch vor einiger Zeit im Training.

    Meiner Meinung nach kann man mit dem „Bananen-Schritt“ seine Hüfte besser vorspannen (weil die Füsse kurz eng parallel stehen) und somit erhält man dann eine stärkere Technik…. wie z.B. einen Tzuki oder eine Uke.

    Beim Geri werden die Beine eh zuerst zusammen geführt….. oder ?

    Das ist meine persönliche Meinung. Jeder darf gern eine andere haben. ☺

    1. „Hüfte vorspannen“ usw. sind solche typischen Sprüche, die kopiert und wiederholt werden, ohne dass man wirklich über ihren Sinnhaftigkeit nachdenkt. Der Einsatz der Hüfte im Shotokan ist Quatsch und jegliches Vorspannen ebenso. Spannung sollte heraus genommen und nur im geringen Maße, fließend aus der Dynamik generiert werden.

      Bei welchem Geri sollten die Beine zusammengeführt werden? Es gibt haufenweise Tritte und unzählige Variationen. Eindeutige Vorschriften, die keine Abweichung zulassen, wie z.B. „hier werden die Beine immer zusammengeführt“, sind nur etwas für Anfänger bis zum Grüngurt.

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