Kiba Dachi – Eine kritische Auseinandersetzung, Teil 1

Vor einigen Jahren habe ich damit begonnen mich mit einem großen Problem in der modernen Auffassung des Kiba Dachi zu befassen. Hin und wieder arbeitete ich an einem Artikel, der mit jedem Monat immer länger wurde, bis ich ihn vor einem halben Jahr in der Facebookgruppe Karate Bunkakai und auf meinem Profil als PDF-Datei veröffentlichte. Er ist ganz gut angekommen, deshalb habe ich ihn für diesen Blogartikel nochmal überarbeitet und in mehrere Teile aufgeteilt.


Springe zu einem anderen Teil:


 

Der Kiba Dachi ist, neben Zenkutsu und Kokutsu Dachi, eine der ersten Fußstellungen, die man im Shotokan lernt. Seine Besonderheiten liegen in der gleichmäßigen Gewichtsverteilung auf beiden Beinen und der seitlichen Ausrichtung. Wenn ein Karateka diese Stellung einnimmt, sollte er, laut Gichin Funakoshi (2005: 23), wie ein Reiter aussehen. In diesem Artikel möchte ich auf die verschiedenen Arten der Ausführung dieser Fußstellung, inkl. ihrer Vor- und Nachteile, eingehen und versuchen herauszufinden welche davon optimal ist.

Was „richtig“ und was „falsch“ ist, war schon immer Grund für hitzige Diskussionen, nicht nur zwischen den vielen Religionen und Politikern. Als ich damit begonnen hatte diesen Artikel zu schreiben, war ich fest davon überzeugt, dass es eine richtige und eine falsche Ausführung der Fußstellung gäbe. Doch als ich mich weiter in das Thema vertiefte und mit Experten aus den Bereichen der Gesundheit und Anatomie sprach, musste ich feststellen, dass es kein technisches „Falsch“ gibt. Unsere Körper unterscheiden sich manchmal sehr voneinander und jede Technik sollte an den Körper des Übenden individuell angepasst werden. Ich halte die Vorschriften innerhalb gewisser Institutionen dies erst ab dem Nidan (2. Dan) zu tun (vlg. Schmidt 1998: 300), also nach etwa fünf bis sechs Jahren Trainings, für unzulässig. Innerhalb von fünf Jahren kann man sich durch eine Technik, die für einen selbst nicht optimal ist, erhebliche Verletzungen zufügen, mit den man dann für sein sein restliches Leben belastet ist.

Ich finde, dass es in allen Bereichen des Lebens, somit auch in Karate, nur zwei Formen von „Falsch“ gibt:

1: Wenn man jemandem anders unnötigen Schaden zufügt

2: wenn man sich selbst unnötigen Schaden zufügt

Mit „unnötig“ meine ich den Schaden, der über bestimmte Grenzen hinaus geht und nicht mehr zur Optimierung der körperlichen Gesundheit beiträgt. Zum Beispiel sind die Abhärtung der Knochen und die darauf folgende Ossifikation, oder Krafttraining mit dem Stressen der Muskeln, nötige Schäden, sofern man sich gesunde Grenzen setzt. Unnatürlicher Druck auf Gelenk- und Bandstrukturen, der diese lockert und zerstört, wäre somit unnötiger Schaden.
Die Frage, inwiefern bestimmte, als selbstverständlich angesehene Praktiken im heutigen Shotokan-Karate diese Grenzen überschreiten, wird Teil dieses Artikels sein. Um das Verständnis zu erleichtern möchte ich den Leser bitten seine „Tasse zu leeren“, das Dogma zu durchschauen und auf die eigene Erfahrung zurück zu blicken.

Die Technik



Schauen wir uns zunächst an, wie der Kiba Dachi in Deutschland überwiegend ausgeführt wird:

  • Beine ungefähr auf doppelter Schulterbreite.
  • Gewicht gleichmäßig auf beide Seiten verteilt.
  • Füße parallel zueinander.
  • Die Hüften tief
  • Kein Hohlkreuz

Soweit so gut, doch dann kommt in einigen Dojos noch der Befehl: „Knie nach außen drücken!“. Spätestens ab da wird es problematisch, denn wenn man die Hüften in der vorderen Position und die Füße parallel behalten möchte, ist das Drücken der Knie nach außen nicht nur unangenehm, sondern auf Dauer auch schmerzhaft. Einen solchen Stand würde kein Arzt als „natürlich“ bezeichnen. Es ist sogar unnatürlich, wenn man die Hälfte seiner Kraft dafür aufbringen muss, um die Knie zwanghaft in der Außenposition zu behalten. Doch wenn die Schüler anfangen sich über die Schmerzen zu beschweren, heißt es leider zu oft sie wären nicht genug trainiert/ gedehnt und bräuchten nur Zeit und Training.

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Abb. 1: Kiba Dachi mit nach außen gedrückten Knien

 

Man erkennt schnell, dass es besonders schwer ist so zu stehen, wenn die Füße parallel bleiben sollen. Bereits nach wenigen seitlichen Schritten in dieser Position merkt man gar nicht, wie die Füße plötzlich in die selbe Richtung zeigen wie die Knie. Das ist genauso natürlich wie die Tatsache, dass der Körper sich dahin dreht, wo das Kinn hin zeigt. Mit diesem kleinen Detail wechselt man unwillkürlich in den Shiko Dachi, eine Fußposition, die häufiger im Goju-ryu Karate verwendet wird. Achte mal auf die Füße derjenigen Karateka, die betonen, dass die Knie nach außen gedrückt werden müssen: Ihre Füße zeigen früher, oder später, wenn nicht schon gleich am Anfang ca. 45° nach außen, was speziell im Kiba Dachi so nicht richtig ist.

Abb. 2: Shiko Dachi

Abb. 2: Shiko Dachi

 

Auf Wikipedia heißt es in dem deutschen Artikel über Karatestellungen:

„Die Fußaußenkanten zeigen parallel nach vorne und die Knie befinden sich möglichst direkt über den Füßen.“ (abgerufen am 22.02.2016)

 

Während es im englischen Artikel heißt:

„Feet are parallel and wide, weight is central and low, with the back straight and the knees and feet pointing slightly inwards [Hervorheb. P.S.].“ (abgerufen am 22.02.2016)

(Die Füße sind parallel und breit, das Gewicht mittig und tief, der Rücken aufrecht, die Knie und Füße zeigen leicht nach innen.) (übs. v. P. S.)

 

Wenn aber die Knie leicht nach innen zeigen und nicht nach außen gedrückt werden, dann können sie sich in einem tiefen Kiba Dachi unmöglich direkt über den Füßen befinden, also gibt es hier einen Widerspruch.

Schauen wir uns nochmal den Stand mit den Knien nach außen an. Was fällt noch auf? Die Schwierigkeit das Becken nicht kippen zu lassen. Wer hier von Natur aus nicht mit weichem Bindegewebe, oder einer bestimmten Form des Beckens „gesegnet“ ist (mehr dazu im Anatomie-Teil), verspürt eine sehr starke Spannung in den Hüftrotatoren, denn die Hüften wollen aufgrund der Beinposition kippen, es zwingt sich eine verstärkte Lordose im Bereich des Lendenwirbelsäule auf und um dieser zu trotzen muss man entweder eine Menge Kraft aufwenden und mit Gegendruck dem Schmerz widerstehen, oder die Füße nach außen drehen. Diese Spannung in den Hüften verhält sich proportional zu der Spannung zwischen den Füßen und den Knien. Letztere führt sogar dazu, dass das Kniegelenk sich von innen verdreht, was gar nicht passieren sollte, da es nach längerem Training zu Schmerzen im Knie führen kann, die evtl. über mehrere Tage anhalten, oder sogar weitere Komplikationen nach sich ziehen. Man kann dies nur vermeiden, wenn man entweder die Füße nach außen dreht und damit den Stand verfälscht, oder die Knie gar nicht erst nach außen drückt.

Abb. 3: Kiba Dachi mit nach außen gedrückten Knien und Hohlkreuz

Abb. 3: Kiba Dachi mit nach außen gedrückten Knien und Hohlkreuz

 

Doch wenn diese Spannungen eintreten, wie sollte man dann im Kiba Dachi stehen, um dabei keine Schmerzen zu haben? Tatsache ist, dass ich oben lediglich eine, in Deutschland leider übliche, Variante des Kiba Dachi und ihre häufigen Folgen beschrieb. Es muss aber nicht immer so sein. Im Anatomie-Teil werde ich mehr darauf eingehen, aber an dieser Stelle erwähne ich nur kurz, dass es auch Menschen gibt, bei den der Knochenbau es nahezu erzwingt genau so im Kiba Dachi zu stehen, damit sie keine Schmerzen und unnötige Spannungen verspüren. Die Variante, die ich gleich beschreiben werde, ist für diese Menschen eher unbequem, während sie für den größten Teil der Karateka besser passen könnte. Und solange es auch nur einen Menschen auf der Welt gibt, auf den eine bestimmte Technik aufgrund seines Körperbaus (ohne Behinderungen) nicht zutrifft, sollte man nicht von richtiger oder falscher Technik sprechen.

Die alten (guten) Lehrer haben stets darauf geachtet, dass ihre Kampfkunsttechniken nicht nur effektiv, sondern auch für den Körper unschädlich sind, denn ein langes und gesundes Leben stand bei ihnen oft im Vordergrund. Alles, was diesen Kriterien nicht entsprach, wurde verworfen. Und seinen wir ganz ehrlich: Wenn man von Selbstverteidigung spricht (und für mich ist Karate nichts anderes als das), dann möchte man sein Leben verlängern und nicht verkürzen, bzw. einschränken, oder?

Der Kiba Dachi, wie wir ihn heute kennen, ist eine Erfindung Japans: Ein besonders tiefer Stand, der die Muskulatur trainieren und durch die Spannung angeblich für besonders viel Stabilität sorgen soll. Klingt in der Theorie sinnvoll. Aber wie stabil steht man dann wirklich? Fühlt man sich dabei nicht eher unwohl? Wenn jemand einen im Kiba Dachi stehenden Karateka schubsen würde, müsste dieser umfallen, da er so viel Kraft in die Aufrechterhaltung des Standes investiert und so verspannt ist, dass ihm die Schnelligkeit und Flexibilität fehlt, um dem Stoß zu widerstehen. Stephan Yamamoto beschreibt dies in seinem Blog:

„Die Eigenart, eine vermeintlich starke Stellung durch das Auseinanderdrücken der Knie bei gleichzeitigem Einziehen des Steißbeins nach vorne zu erzeugen, führt jedoch bei genauerer Betrachtung zum Gegenteil. Ein einfacher Test beim gestrigen Training zeigte deutlich: Nach vorne ausgerichtete Kniescheiben (d.h. bei nicht nach außen gedrückten Knien) stellen das Becken und die Beine in die Linie der Schwerkraft, so daß [sic] der Körper über seine Struktur (und nicht durch Kraft) dem Druck eines testenden Partners standhielt, ohne Beweglichkeit einzubüßen. Wurde zum Vergleich die Stellung mit auseinandergedrückten Knien – die Kniescheiben zeigen dabei nach außen – eingenommen, war eine immense Kraft nötig, um überhaupt stehen zu bleiben. Dem Partner zu widerstehen bzw. noch entspannt Techniken auszuführen, war nicht mehr möglich.“ (Der Beitrag ist nicht mehr online verfügbar)

Ein natürlicher, bequemer, sicherer und stabiler Stand ist für viele also dann ermöglicht, wenn die Knie nach vorne zeigen, in dieselbe Richtung wie die Füße. Dabei sollte man die Knie weder nach außen drücken, noch „nach innen fallen lassen“ (was anatomisch gar nicht möglich ist, da dann bestimmte Muskeln zur Stabilisierung einsetzten), sondern einfach nur stehen, wie in einem sehr breiten Heiko Dachi.

Abb. 4: Heiko Dachi

Abb. 4: Heiko Dachi

 

Abb. 5: Kiba Dachi mit nach vorne gerichteten Kniescheiben Ergänzung: Man darf sich mit dem Oberkörper sogar leicht nach vorne neigen, um selbst das Bisschen Hohlkreuz (hier nicht zu sehen) zu vermeiden.

Abb. 5: Kiba Dachi mit nach vorne gerichteten Kniescheiben
Ergänzung: Man darf sich mit dem Oberkörper sogar leicht nach vorne neigen, um selbst eine geringe Lendenwirbellordose (Hohlkreuz, hier nicht zu sehen) zu vermeiden.

 

Der Einfachheit halber werde ich diesen Stand, wegen der Ausrichtung der Kniescheiben, als vorderen und den zuerst beschriebenen Stand als seitlichen Kiba Dachi  bezeichnen. Rein optisch scheint der Unterschied zwischen den beiden Varianten nicht sehr groß zu sein, doch anatomisch und funktionell sind das zwei verschiedene Welten.

 


Ich hoffe, dass der Artikel dir soweit gefallen hat! Die Fortsetzung folgt im zweiten Teil, wo ich mich mit den möglichen Ursprüngen der Missverständnisse und ein bisschen Geschichte befassen werde. Danach werden noch zwei weitere Teile folgen.

Literaturquellen: Siehe hier.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Es gibt zwei Ausführungsformen des modernen Kiba Dachi.
  • Der seitliche Kiba Dachi würde bei vielen Menschen auf Dauer Knieschäden verursachen.
  • Kiba Dachi sollte sich grundsätzlich natürlich anfühlen.

Danke, dass du den Artikel zu Ende gelesen hast!

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4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Ich bin als jahrelanger Trainer von Wettkämpfern völlig Deiner Meinung. Wir haben in unserem Verein nach einem Jahrzehnt Wettkampf-Shotokan deshalb umgestellt auf Goju Ryu und Shito Ryu und bilden im Verein stiloffen aus.

    1. Hallo Erhard! Am Wettkampf ist im Kern nichts verkehrtes dran. Problematisch wird es nur, wenn man Wettkampf-orientiertes Kämpfen unterrichtet und dann von Selbstverteidigung spricht. Wer den Unterschied bemerkt und aus dem Wunsch nach Authentizität die Lehre eigenständig umstellt, verdient meine Achtung.

  2. Sehr schön, das sich mal jemand diesem komplexen Thema ausführlich widmet….
    mit bestehen der 1. Dan Prüfung und Beschäftigung mit den 3 Tecki´s begann bei mir das Forschen… eine interessante Lösung bietet dazu das Goju Ryu und dasTai Chi… ich werde mir die weiteren Beiträge noch zu Gemüte führen und mich dann gerne in die Diskussion einklinken, wenn erwünscht.
    N.B. meine Frau ist Physiotherapeutin….
    Grüße Frank

    1. Hallo Frank,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich, dass der Artikel dir gefallen hat. Es gibt viele Disziplinen (nicht nur unter den Kampfkünsten), mit den man sich auseinandersetzen könnte und sollte, um sein Karate zu verbessern.
      Diskussion ist gerne erwünscht, solange sie sachlich und frei von ideologischen Gedanken ist. Ich würde mich auch sehr über weitere Einbringungen aus medizinischen Bereichen wie der Physiotherapie freuen. 🙂

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