Koryu Uchinadi, die Zweite

Entgegen meiner Befürchtung, dass mein noch sehr junger Blog wie eine Werbung für bestimmte Karatestile wirken könnte, schreibe ich nun über meine zweite Erfahrung mit Koryu Uchinadi, wieder bei Olaf Krey, aber diesmal im Bielefelder Joriki Dojo.

Es ist nun mal so passiert, dass ich schon vor zwei Monaten in Fritzlar zu dem Lehrgang eingeladen wurde, der am ersten Novemberwochenende in Bielefeld stattfand. Thema war wieder Nyumon (das Kerncurriculum) und diesmal die Kata Nepai. Das Ganze natürlich mit einer beispielhaften Entschlüsselung der Kata und dem Vor-Ort-Basteln eines Drills, mit dem man sich einige der möglichen Anwendungen für die gesamte Kata merken könnte.

Diesen Bericht an sich halte ich kürzer als den letzten, da der zweite Lehrgang dem ersten sehr ähnelte. Diesmal fand ich das Mobilisierungstraining* wesentlich besser, zum Teil weil ich einige der Übungen bereits kannte und weil meine Partnerin ebenso Anfängerin war wie ich, sodass ich mich nicht überfordert fühlte. Auch gab es diesmal keine (meiner Meinung nach) unnötigen Übungen und es machte generell viel mehr Spaß. Diesmal war es nicht so heiß und selbst die Übungen zur Remobilisierung zwischendurch, wie Tabata, fühlten sich nicht so an, als wären sie fehl am Platz. Da ich nun auch einen Weißgurt trug, wie die meisten, stach ich mit meiner Unfähigkeit nicht mehr so sehr heraus, höchstens bei Olaf persönlich, den ich bei jeder Übung zu uns bat, um uns nochmal alles zu erklären. Ich witzelte schon darüber und meinte, dass er gleich zu uns kommen könnte, sobald der Startschuss zum Üben ertönt. Aber O. Sensei war wie immer freundlich, geduldig, respektvoll und erklärte sehr anschaulich.

Diesmal gab es auch weniger Nyumon und wir begannen bereits am ersten Tag das Studium der Kata. Zuerst die mögliche Anwendung, dann die Bewegung in der Kata, dann die Verbindung zur nächsten Anwendung (Drill) und anschließend die Solo-Kata bis zu der jeweiligen Stelle. Die Nepai ist nochmal etwas anders als Aragaki Sochin, länger und ich fand sie auch komplizierter. Wir übten (gefühlt) mehr Fallschule und kamen auch öfter dazu unsere Partner zu werfen und geworfen zu werden, da die Kata mehrere solche Sequenzen enthält.

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Olaf betonte, wie schon beim letzten Mal, dass dies nicht DIE Anwendungen sind, sondern Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man den menschlichen Körper und die Interaktion damit studiert und Patrick McCarthys HAPV-Theorie einsetzt. Die Theorie erklärte er ebenfalls im Detail: HAPV steht für Habitual Acts of Physical Violence (die üblichen Handlungen körperlicher Gewalt) und besagt, dass jede Bewegung in einer Kata als Antwort auf eine oder mehrere Angriffsmöglichkeiten im Alltagsgeschehen interpretiert werden kann.

McCarthy teilte diese Angriffe in mehrere Kategorien ein, z.B. schlagen, stoßen, treten, würgen, greifen, hebeln usw. Diese haben wiederum Unterkategorien mit den verschiedenen Variationen in der Ausführung (z.B. würgen von hinten, von vorne, auf dem Boden etc.). In Anbetracht dieser Angriffsmöglichkeiten, die sich zwar in Abhängigkeit von Raum und Zeit unterscheiden können, aber in ihrer Gesamtheit alles ergeben, was ein Mensch einem anderen Menschen antun könnte, kann man nun an eine Bewegungssequenz in einer Kata herangehen, sich einen realistischen Angriff vorstellen (also nicht mehrere Leute auf einen mit geraden Tsukis) und die Bewegung dazu nutzen, um den Angriff abzuwehren und zu kontern.

Natürlich wird dies schon seit langem probiert, doch wie man dem Video entnehmen kann, nicht immer erfolgreich. Bei Olaf habe ich bisher sehr viele realistische und logische Erklärungen gesehen. Wichtig ist, dass neben den Angriffen die natürlichen Reaktionen des menschlichen Körpers mit genutzt werden. Greift man also jemandem unerwartet in den Schritt, weicht die Person in den meisten Fällen zurück und bietet den Kopf an. Diese unwillkürlichen Reaktionen werden bei der Entschlüsselung der Kata mit berücksichtigt. Die HAPV-Theorie ist also ein Schlüssel zum Verständnis der Kata, wenn man aus der Perspektive der praktischen Anwendung herangeht. Es gibt auch eine andere Herangehensweisen an Kata, die ich ebenfalls für sehr legitim halte. Sie steht überhaupt nicht im Kontrast zu dieser Betrachtung und viel eher könnte man Kata mit Einbeziehung beider Einstellungen zusammen studieren. Dazu schreibe ich später mehr.

Dabei ist es wichtig zu begreifen, dass die HAPV-Theorie und Koryu Uchinadi keine Selbstverteidigung an sich lehren, sondern Prinzipien, die auch der Selbstverteidigung inne liegen. Jemand, der sich wundert, warum man hier so viel lernt zu reagieren, also scheinbar eher passiv ist, muss verstehen, dass die Selbstverteidigung mehr ist, als nur die Reaktion und man oft besser die Initiative ergreifen sollte, wenn es aber zu einer Antwortsituation kommen sollte, so kann man das Gelernte aus der Kata mit einer höheren Erfolgsrate einsetzen. Für mich macht das alles wirklich Sinn.

Zum Lehrgang bin ich zusammen mit Justus, meinem Trainingspartner aus Göttingen, gefahren und wir waren beide begeistert. Wir beschlossen unser Karate fortan folgendermaßen zu strukturieren:

  • Viele Inhalte aus dem Koryu Uchinadi und JuJutsu (Nyumon-Drills, Fallschule, Hebeln, Werfen, Bodenkampf, alte Kata)
  • in Verbindung mit der funktionellen Bewegungslehre aus dem Shushukan Budo (Körpergefühl, Energieeffizienz, Yoga usw.)
  • und den Selbstverteidigungslehren von Iain Abernethy, bzw. seinen Lehrern Peter Consterdine und Geoff Thompson, die auch in anderen guten SV-Schulen gelehrt werden (Prävention, verbale Deeskalation, Schockzustand, Adrenalinausschüttung, Realismus usw.).

Ich freue mich beim vergangenen KU-Lehrgang gewesen zu sein, da es viele Missverständnisse beseitigte und mir mehr Einblick in dieses sehr effektive Training gewährleistete. Ich kann es allen, die mehr als ein „Stock-im-Arsch-Karate“ machen möchten, nur empfehlen (sorry, ich konnte es mir nicht verkneifen ^^).

 



* das sage ich fortan anstatt „Aufwärmtraining“, weil es meiner Meinung nach den Sinn und Zweck dessen besser beschreibt.

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