Warum ich Kyûsho kann, aber kein ‚Kyusho-Jitsu‘ mache

Dass ich Kyusho-Jitsu nicht so ganz ernst nehme, dürfte anhand des ein oder anderen Satzes in meinen Artikeln klar geworden sein. Das liegt einerseits daran, dass ich bereits genug Bullshido gesehen und erfahren habe, dass ich mit Kyusho-Jitsu, insbesondere mit Dillman, sehr viel Quatsch verbinde. Andererseits ist der Grund für meine Skepsis die Tatsache, dass noch keine einzige Technik an mir demonstriert wurde, wobei ich mich gerne für so eine Vorführung freiwillig melden würde (und ich würde sicherlich nicht ruhig da stehen und warten).

Auch hält Stephan Yamamoto nichts von Kyusho-Jitsu und meldet sich nun in diesem Gastartikel zu Wort.



Warum ich Kyûsho kann, aber kein ‚Kyusho-Jitsu‘ mache

Abb. 1: Darstellung der 36 Druckpunkte aus dem Bubishi.*

Kyūsho ist in aller Munde — oder besser „Kyusho-Jitsu“, wie es genannt wird. „Nervendrucktechniken“ zu üben ist (wieder) en vogue. „Wieder“, denn im Grunde ist das nichts Neues, erfährt aber gegenwärtig durch wieder-exotisierende Zuschreibungsprozesse eine Renaissance. Ein weiterer Name dafür ist „Vitalpunktstimulation“, über die man bis vor kurzem auf höchstens ein bis zwei Seiten am Ende sog. Kampfsportbücher lesen konnte (vgl. Abb 1). Dort waren i.d.R. Abbildungen einiger weniger Punkte am menschlichen Körper zu finden. Diese Punkte — wie z.B. der Kehlkopf, der Solarplexus oder die Hoden waren zu jener Zeit weder geheimnisvoll noch besonders spektakulär. Heute ist Kyusho-Jitsu umso komplexer, bezieht die Meridiane und Punkte ein, die Gegenstand der Akupunktur sind. Um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben, liest und hört man — auch seitens der Ausübenden — von „Kyoshu“, „Kyushu“ und „Kyosho“ [sic!]. Wie auch immer geschrieben, transkribiert und interpretiert: Beschrieben wird Kyūsho gegenwärtig als „das Wissen der alten Meister“ und damit als etwas verloren Geglaubtes wiederentdeckt. Doch was steckt wirklich dahinter? Und wieso kam und kommt man bis heute im Kampfsport seit Jahrzehnten auch ohne jenes „Wissen“ aus?

Die sprachliche Bedeutung

Ich gehe solchen Fragen gerne zunächst sprachlich auf den Grund. „Kyūsho“ ist die lautsprachliche Wiedergabe des japanischen Wortes 急所. Transkribiert nach Hepburn (wie außerhalb Japans üblich) als kyūsho (auch: kyûsho oder kyuusho) sind andere Schreibweisen und Aussprachen damit wohl zunächst passé bzw. sogar irreführend. In seiner lexikalischen Bedeutung erfasst 急所 sowohl einen „vitalen Punkt“ (des menschlichen Körpers) als auch den „springenden Punkt“ (einer Angelegenheit) (vgl. hier). Die Bedeutung von 急所 ist also zunächst kontextabhängig. Um exklusiv als „das Wissen der alten Meister“ zu gelten, muss also ein Zuschreibungsprozess erfolgen, der einen recht allgemeinen Begriff zu einem spezifischen Namen wandelt. Dies ist eine sprachphilosophische Leistung und weniger die Folge einer angenommenen historischen Wahrheit. Historisch gesehen ist jenes exklusive kyūsho — bzw. „Kyusho-Jitsu“ — eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, die durch die Rückbindung an jene „alten Meister“ transzendiert und somit legitimiert wird. Tatsächlich beginnen die Rezeptionslinien des sog. Kyusho-Jitsu bei George A. Dillman, der als einer der ersten mit „pressure point fighting“ von sich reden machte und die Arbeit mit den kyūsho zu institutionalisieren und zu kommerzialisieren begann. Das ist zunächst nichts Schlechtes, denn „kommerzialisieren“ bedeutet, Geld für eine Gegenleistung zu verlangen, um diese Leistung zu finanzieren.

Um auf der sprachlichen Ebene zu bleiben, wenden wir uns dem „Jitsu“ zu. Gemeint ist wohl 術 (jutsu), das als „Kunst“, „Technik“ oder „Kniff“ wiedergegeben werden kann (vgl. hier). Es geht um eine Fertigkeit, wie sie z.B. für ein Kunsthandwerk Voraussetzung ist. Hier findet ein Abgrenzungsprozess statt, der das vermeintlich pragmatischere Kriegshandwerk der samurai (vor 1868) von den oftmals als „traditionell“ aber auch als „versportlicht“ bezeichneten Kampfkünsten (nach 1868) scheiden möchte. Jene Pragmatik soll sich auch in der Bezeichnung niederschlagen: Die „Kunst“ (jutsu) wird vom „Weg“ (道, ) als kämpferisch überlegen abgegrenzt. Bujutsu gegenüber budō, kenjutsu gegenüber dem kendō, jūjutsu gegenüber dem jūdō usw. Hier ist auch das „Karate-Dō“ anzusiedeln, das wiederum dem vermeintlich auf Gewalt abzielenden „Karate-Jutsu“ gegenüber als moralisch überlegen verortet wird (die o.g. Abgrenzung erfolgt im Kontext des Karate also andersherum). Daher wird „Kyusho-Jitsu“ (oder korrekt transkribiert kyūsho jutsu) als eine technische Fertigkeit konstruiert, die den historisch jüngeren „Weg-Künsten“ selbstverständlich (aufgrund ihrer „Aura des Alten“) pragmatisch überlegen sein muss. Die Transkription von jutsu als „Jitsu“ resultiert dabei aus einer älteren Schreibweise, die vermutlich dem angelsächsischem Sprachraum entstammt. Das ist insofern problematisch, da jitsu nach Hepburn u.a. die lautsprachliche Wiedergabe des japanischen 実 ist, was „Wahrheit“ bedeutet (vgl. hier).

Allerdings ist die gleichzeitige Verwendung verschiedener Transkriptionssysteme ein nachrangiges Problem. Problematisch ist eher die Konstruktion einer eigenen Kategorie bzw. Form von Kunstfertigkeit oder einer eigenen Kampfkunst — nämlich „Kyusho-Jitsu“ — sowohl durch Sprache als auch durch die Institutionalisierung des Namens. Kyūsho ist aus japanischer Perspektive dagegen eher ein Beiwerk oder ein Teilbereich, der jedoch wenig bis gar nicht institutionalisiert wird. Solche Teilbereiche werden eher nicht als jutsu, sondern i.d.R. als 法 (), bezeichnet, die Bezeichnung kyūsho-hō ist in Japan die eher gebräuchliche. Weiterhin funktioniert die Legitimation als pragmatische(re) jutsu gegenüber dem nicht wirklich, da sich das qualitative Scheiden von budō und bujutsu rein anhand einer Datumsgrenze nicht durchführen lässt. Kyūsho jutsu bzw. Kyusho-Jitsu ist eine moderne Konstruktion und keine historische Entität.

In der Bedeutung flottiert Kyusho-Jitsu wie bereits gesagt unter vielen weiteren Namen, wie „Vitalpunktstimulation“ oder „Nervendrucktechniken“ (analog zum englischen „pressure point fighting“). Eine weitere, exklusivistische Übersetzung lautet:

„Kyusho-Jitsu bedeutet in erster Linie Sekundenkampf oder erste Sekunde.“ (Quelle)

Diese „Übersetzung“ ist dabei keine, die 急所 gerecht wird, denn selbst eine Übersetzung der einzelnen Zeichen lässt diese konkrete Bedeutung nicht oder nur mit sehr, sehr viel Interpretationsspielraum zu:

  1. Schnelligkeit; Reißend.
  2. Plötzlichkeit.
  3. Bevorstehen; Drohen.
  4. Steilheit; Schroffheit.
  5. Ernsthaftigkeit; Strenge.
  6. Ungeduld; Hast.
  7. Notfall; dringender Fall; Gefahr; Krise; Not.
  8. Eile; Dringlichkeit.
  9. gefährliche Angelegenheit.
  10. Unterhaltungskünste Finale; dritte Phase im Spannungsverlauf eines Theater‑ oder Musikstückes.

(Quelle)

  1. Ort; Platz; Stelle.
  2. Zuhause.
  3. Adresse.
  4. Gebiet; Ort.
  5. Punkt; Teil; Passage.
  6. freier Platz; Raum.
  7. Zeit; Moment.

(Quelle)

Zumal eine an den Komposita orientierte Übersetzung eines japanischen Begriffes zunächst der lexikalischen Bedeutung des Begriffes nachgeordnet ist. Die Übersetzung „Sekundenkampf“ oder „erste Sekunde“ ist somit ein weiteres Konstrukt, oder um es direkt zu sagen: ein Phantasieprodukt. Allgemein wird kyūsho übersetzt als „Schwachstelle“ bzw. „jmds. Achillesferse“. Die dem Kyusho-Jitsu zugeschriebene kämpferische Qualität kann also kaum aus der Übersetzung resultieren, auch wenn diese durch ihre Kommunikation über zahlreiche Webseiten und Publikationen durchaus wirkmächtig ist.

Institutionalisierung, TCM und Schaffung der Identität

Mit der sprachlichen oder diachronen Analyse lässt sich das Problem allerdings nicht lösen, denn soziale Realitäten ent- und bestehen vor allem durch ihre gegenwärtige Praxis. Und Kyusho-Jitsu hat sich sowohl als Name als auch institutionell etabliert. Der Verweis auf Fehler in der Übersetzung, die korrekte historische Einordnung oder Transkription haben wohl kaum genug Gewicht, die gegenwärtige Praxis des Kyusho-Jitsu umzukehren und aus der Geschichte zu tilgen.

Abb. 2: Ein dem Internet entnommenes Schema einiger Druckpunkte.

Es sind weniger die Übersetzungen als die der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) entlehnten Erklärungs- und Veranschaulichungsmodelle, die legitimierend wirken (vgl. Abb. 2). Kenntnisse medizinischer Behandlung und eines möglichen destruktiven Potenzials entfalten hier eher die gewünschte Wirkmacht als die Exotik japanische Begriffe per se. Allerdings ist in Zweifel zu ziehen, ob jene „alten Meister“ über eine fundierte Ausbildung in der TCM des 20. Jhdts. verfügten. Denn jene ist zum einen in ihrem gegenwärtigen Verständnis ein Exportschlager des Mao-Regimes. Zum anderen ist es eher spekulativ anzunehmen, die medizinischen Fakultäten, wie z.B. in Heidelberg, würden aus ihrer Erforschung der TCM heraus das Kyusho-Jitsu als medizinisch fundiert bestätigen. Vielmehr sollte man sich die Frage stellen, wie kyūsho hō im Rahmen des Trainings verschiedener Schulen tatsächlich zum Einsatz kam und heute noch kommt. Ob dort, wo man sich mit den kyūsho befasst, der Begriff selbst überhaupt fällt. Und warum sowohl die traditionellen wie auch die modernen Selbstverteidigungssysteme und Ringkampfsportarten so lange ohne Kyusho-Jitsu auskamen (und noch heute auskommen). Was sich zweifelsfrei feststellen lässt: Es gibt einen Absatzmarkt für Kyusho-Jitsu. Wer also rezipiert oder „kauft“ Kyusho-Jitsu?

Die Abwesenheit dezidierten Wissens über Sprache, Geschichte und Bewegungsphysiologie innerhalb der größeren Karate-Institutionen bspw. hat ein Vakuum geschaffen, das durch Kyusho-Jitsu ausgefüllt wird. Wo finden wir sonst Kyusho-Jitsu? Wohl kaum in den MMA oder den japanischen Schwertschulen. Wir finden mehrheitlich die Akteure asiatisch inspirierter Selbstverteidigung und die auf eine sportliche Basis gestellten Kampfkünste wie Karate, Kempo oder das deutsche Ju-Jutsu bzw. Jiu-Jitsu. Dort ist die Akzeptanz groß, die mit modernen Bezeichnungen für Akupunkturpunkte versehenen Körperstellen zu schlagen, zu drücken oder zu reiben, um den zugeschriebenen, kämpferisch nutzbaren Effekt zu erzielen. Und es scheint, als ob sich diese Akzeptanz auf die Domäne der sog. „traditionellen, japanischen (oder japanisch inspirierten) Kampfkünste“ beschränkt. Ich möchte diese neue Symbiose eines institutionalisierten Kyusho-Jitsu mit den sportlichen Kampfkünsten schon fast wechselseitig parasitär nennen: Jene Kampfkunst-Derivate bekommen den ihnen nachgesagten — aber durch eine inhaltliche Verflachung (z.B. durch eine sportliche Orientierung) bzw. eine „Verwestlichung“ abhanden gekommenen — Pragmatismus zurück. Die Vertreter des Kyusho-Jitsu schaffen sich dadurch eine Absatzmöglichkeit für ihr modernes Produkt, nämlich jenes „verlorengegangene Wissen“. Es geht also in erster Linie um die Schaffung von Identität und Hegemonien durch einen Wissensvorsprung mittels Rückbindung an idealisierte Vergangenheiten und vermeintliche Wissenschaftlichkeit.

Ist „Kyusho-Jitsu“ eine Kampfkunst für sich?

Während ein vermeintlicher Wissensverlust ausgeglichen wird, werden gleichzeitig angenommene Transzendenzen ausgehöhlt: Worin bestehen eigentlich die Traditionen des Karate, wenn ein erheblicher Teil des „Wissens“ bisher fehlte, das jetzt durch Kyusho-Jitsu nachgereicht wird? Können Ju-Jutsu bzw. Jiu-Jitsu die Kampfkünste der samurai wirklich weitertragen, wenn deren Inhalte doch gar nicht Gegenstand der Ausbildungs- und Prüfungsprogramme sind? Folglich muss Kyusho-Jitsu doch eine eigenständige Kampfkunst sein, denn sie war bislang nicht Teil dessen, was Karate, Jiu-Jitsu etc. in den vergangenen Jahrzehnten beinhalteten. Diesem Schluss wird entgegnet, daß Kyusho-Jitsu keine eigenständige Disziplin unter den Kampfkünsten sei, sondern jeweils deren inhärenter — wie gesagt verlorengegangener — Bestandteil. Allerdings ist diese Behauptung anhand der Existenz eigener Verbände, Graduierungen, Prüfungsordnungen für Kyusho-Jitsu und dem Habitus, spezielle Bekleidung zu tragen, bereits ad absurdum geführt. Anders gefragt: Kann eine „eigenständige Kampfkunst“ denn jenseits institutioneller und formeller Strukturen überhaupt existieren? Wenn in der Praxis ein Schwarzgurtträger in weißer Trainingskleidung den Raum betritt, um diesen gleich darauf wieder zu verlassen um in schwarzer Trainingskleidung und einem grünen Gürtel zurückzukehren, während ein großer Patch auf der schwarzen Jacke den Schriftzug „Kyusho“ trägt, ist das ein weiterer, eindeutiger Hinweis. (Dieses Beispiel ereignete sich auch im Kontext einer beginnenden kobudō-Stunde auf die exakt selbe Weise.) Kyusho-Jitsu bildet de facto eine eigenständige Kampfkunst, da sie über entsprechende institutionelle, kommunikative und distributive Strukturen verfügt, sowie einen klar auszumachenden Entstehungszeitraum und damit eine eigene Geschichte. Darüber hinaus stiftet sie Identität und Community.

Praktiziere ich Kyûsho?

Möglicherweise interessiert den geneigten Leser jetzt, wie ich zu der Praxis des Kyusho-Jitsu bzw. kyūsho hō stehe. Oder ob und wie ich eine Form von kyūsho hō in meinem Training vorsehe. Die Antwort ist eine, die mein geschätzter Freund und Kollege Andreas F. Albrecht auf solche Fragen zu geben pflegt: Sowohl als auch und weder noch.

Ohne die Zuschreibungen und Synkretismen sehe ich den Begriff kyūsho als das, was er in der allereinfachsten Übersetzung bedeutet: Den Dreh- und Angelpunkt einer Sache. Was ist ein solcher Angelpunkt oder „crucial point“ in meinem Training? Dazu gehören auf der einen Seite Kenntnisse vom Verlauf und Funktion von Bewegungsachsen und muskulärer bzw. faszialer Ketten am menschlichen Körper, entlang deren Verläufen sich Bewegungen entfalten. Ebenso gehören dazu Kenntnisse, wie diese Verläufe zu stören und zu manipulieren sind. Die daraus resultierende Vorgehensweise sieht bestimmte Stellen (kyūsho) am menschlichen Körper vor, an denen diese Störungen besonders einfach zu implementieren sind. Dazu sind weniger die Leitbahnen (Meridiane) nützlich, wie sie in der TCM verwendet werden, als vielmehr zu wissen, welche Strukturen Kraft entsteht lassen und welche sie weiterleiten. Oder wie sich Mobilität und Stabilität bedingen und zu funktionaler Bewegung ergänzen. Damit lassen sich sowohl die kämpferisch wie auch therapeutisch nutzbaren Settings eines Kampfkunst-Trainings abdecken.

Kampfkunst ist immer eine Angelegenheit von Dynamik. Menschliche Bewegungen können nicht eindimensional beschrieben oder fixiert werden. Ein isolierter Punkt auf dem Arm, der evtl. ein bisschen weh tut? Wenn der andere still hält, ja.

Ein weiterer Bereich, der durch das bestehende Angebot des Kyusho-Jitsu nicht abgedeckt zu werden scheint, aber einen großen Teil meines Trainings ausmacht, sind Waffen. Jene Achsen und Verläufe sowie die dazugehörigen Winkel und Distanzen werden durch das Training mit Waffen illustriert und um vieles erweitert. Darüber hinaus spielen Trefferzonen in Anlehnung an gerüstete Gegner eine große Rolle (im Vergleich zur „modernen“ Selbstverteidigung). Solche Punkte, die z.B. durch eine Rüstung nicht vollständig abgedeckt werden können, stellen einen wunden Punkt, eine Achillesferse, eben einen kyūsho dar. Pragmatismus und Training, die die Handhabung der Waffe(n) vermitteln, sind dabei das Wesentliche. Vergleicht man damit die Demonstrationen von Schlägen an die Kinnspitze oder in die Ellenbeuge eines kooperativen Gegners und dessen K.O., muss letzteres lächerlich wirken, zumal sich in der Praxis herausgestellt hat, dass oftmals nur die eigenen Schüler oder für Suggestionen empfängliche Menschen zum Vorführen herangezogen werden. Der kämpferische Wert solcher K.O.s ist in Frage zu stellen angesichts eines aggressiven, eines gerüsteten oder — ganz einfach — eines sich bewegenden Gegners.

Allerdings bedeutet dies nicht, dass solche Demonstrationen völlig wirkungslos sind. Vermehrte Schläge auf bestimmte Stellen des Körpers haben eine kumulative Wirkung und erweisen sich auf lange Sicht als problematisch für die Gesundheit. Hier werden Grundsätze außer Acht gelassen, die die Gesundheit der Akteure garantieren sollen. Bzw. fehlt dem Kyusho-Jitsu — so wie es sich präsentiert — die Fähigkeit, die Gesundheit zu pflegen. Denn neben der manipulativen und destruktiven Komponente (殺, satsu) fehlt oft die heilende (活, katsu), die zusammen 活殺 (kassatsu) bilden: die Balance von „Leben und Tod“.

Kyusho-Jitsu bildet eine eigene Entität, da es alle strukturellen Merkmale einer Kampfkunst der Gegenwart ausweist, während gleichzeitig die Rückbindung an eine konstruierte Geschichte und an die Chinesische Medizin für Legitimität und Expertentum garantiert. Weiterhin ist Kyusho-Jitsu in seiner Praxis auf waffenlose Selbstverteidigung ausgerichtet, wo sie die auf diesem Gebiet defizitären asiatischen Kampfsportarten als Markt verwendet, um das Produkt, das als „das Wissen der alten Meister“ gebrandet ist, abzusetzen. Dies ist jedoch nicht grundsätzlich etwas Negatives, da viele Freizeitbeschäftigungen (und damit auch die Kampfkunst) für eine noch so geringe Gegenleistung bezogen wird. Kritisch zu hinterfragen ist jedoch die entgegen jeder sprachlichen, historischen und bewegungsbezogenen Fakten konstruierte Realität des Kyusho-Jitsu.

Ich werde also weiterhin in meinem Training jene kyūsho verwenden und unterrichten, die ich weiter oben skizziert habe, um die durch das Training vermittelten Bewegungen auf den menschlichen Körper anzuwenden und so Achsen, Verläufe, Winkel und Distanzen zu beeinflussen. Und zwar um der einerseits kraftorientierten Technik des „Budo-Sports“ zu entkommen, wie auch andererseits der Neu-Verzauberung der romantischen Vergangenheit mittels fiktiver „alter Meister“.


Über den Autor.



*Die im Artikel verwendete Darstellung der 36 Druckpunkte ist ein eigens angefertigter Scan aus dem Buch Bubishi: The Classic Manual of Combat von Patrick McCarthy. Die Erlaubnis diesen Scan zu verwenden wurde mir freundlicherweise vom Rechteinhaber Patrick McCarthy erteilt. Bitte das Bild nicht ohne Erlaubnis verwenden.

Kurz und prägnant zusammengefasst:

  • „Kyusho-Jitsu“ ist nicht neu, es ging auch nicht verloren. Es ist ein durch Exotisierung neu geschaffener Name.
  • Kyūsho bedeutet weder „Sekundenkampf“, noch ist der Begriff per se auf die Arbeit mit Nerven- oder Schmerzpunkten bezogen. Seine Bedeutung ist kontextabhängig und unterliegt Zuschreibungen. „Kyusho-Jitsu“ ist daher auch keine Kunst irgendwelcher „alten Meister“, denn die Bezeichnung entspringt westlicher Aushandlung.
  • Erst die Verwendung von Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt dem „Kyusho-Jitsu“ seine Wirksamkeit und Legitimität. Die TCM selbst erlangte ihre Gestalt während des 20. Jhdts.
  • „Kyusho-Jitsu“ ist sowohl durch seinen Namen wie auch seine äußere Erscheinung und Distribution institutionalisiert und bildet dadurch eine eigenständige, moderne Kampfkunst aus. Einen inhärenten Bestandteil traditioneller Kampfkünste kann sie außer auf Basis konstituierender Zuschreibungen nicht bilden, da die Kampfkünste selbst modern sind und in ihrer Praxis bisher ohne „Kyusho-Jitsu“ auskamen.

Danke, dass du den Artikel zu Ende gelesen hast!

Wenn du noch mehr Zusatz- und Hintergrundinfo möchtest, dann trage dich hier mit deiner E-Mail ein.

Deine Daten sind bei mir sicher und werden nicht an Dritte weitergegeben. Niemand mag Spam!

9 Kommentare, sei der nächste!

    1. Das liegt wohl daran, dass der Artikel in einer akademischen Sprache geschrieben ist. Für manche Menschen ist sie schwer verständlich. Wenn man sich aber ein bisschen Zeit nimmt, versucht zu verstehen, evtl. Google zur Hilfe nutzt und nachfragt (wenn’s gar nicht anders geht), dann erschließt sich einem der Sinn und der ist weder einseitig, noch fragwürdig und Wirrwarr schon mal gar nicht. Zur Not gibt es am Ende des Artikels eine vereinfachte Zusammenfassung. Aber so weit bist du scheinbar gar nicht gekommen.

        1. Nein, Zensur gibt es hier nicht. Mein Blog war einige Wochen down und ich musste u.a. auf ein früheres Backup zurückfahren. Zu dem Zeitpunkt als ich es erstellt hatte (01.05), hast du deinen Kommentar noch nicht gepostet. Du darfst es aber gerne nochmal tun. Stephan und ich werden auch dann wieder erschöpfende Antworten darauf geben, bis dir die Argumente ausgehen. Wie beim letzten Mal.

  1. Sorry dillman ist nicht nur durchge….. aber Da kann man in Deutschland bleiben…… F. O. Ist nicht viel besser….. leider rennen die Leute aber zu denn… und sind enteuscht wenn sie bei Leuten (die ernsthaft trainieren ) nicht 10 zu bodengehen…. usw…
    LG juergensan

  2. Hallo,

    bin gerade auf den vorliegenden Artikel gestossen und möchte zu der vorliegenden Darstellung gratulieren.

    Ich bin der Versuchung erlegen und habe mich einer Gruppe angeschlossen die sich dem Studium des Kyusho verschrieben hat. Neben interessanten Erkenntnissen aus den Kampfkünsten, die von den Mittrainierenden zum Grossteil langjährig betieben wurden, die sehr lehrreich waren ist auch die Erkenntnis gewachsen, dass mir persönlich Kyusho nicht das bringt was ich mir erhofft habe. Das Training ist in der Regel sehr statisch (in der Dynamik sind Punkte der vorgegebenen Grösse kaum zu treffen) und hat nur in meinen Träumen dazu getaugt alternative Selbstverteidigungsstrategien zu erlernen. Da war das vorhergegangene Karate und WT-Training um Längen effektiver. So kann ich nur jedem raten seiner Kampfsportart treu zu bleiben und nach ausgiebigem Studium die dann sicher auch dort zu Anwendung kommenden „geheimen“ Techniken auf Basis des vorher Gelernten zu erlernen und dann auch sinnvoll anwenden zu können. Welche Kampfsportart es auch immer ist….

    Ich möchte hier niemandem die Lust darauf nehmen selber mit „Punkten“ zu experimentieren. Auch ich habe dazu gelernt und bereue es nicht. Einzig die dafür verwendete Zeit hätte ich besser nutzen können.

    In diesm Sinne allen weiterhin Spass am Training.

    1. Hallo und vielen Dank für diesen Einblick in deine persönliche Erfahrung!
      Ich habe auch schon bittere Erfahrungen auf Umwegen gemacht und möchte nicht zurück. Nachher ist man dennoch froh, da es eine wichtige Lektion war.

  3. Hi
    der Artikel von Stephan beschäftigt sich mit dem Kyusho.
    Ich muß zugeben, das ist nicht einfach, das in kurzer Form zu erläutern. Er hat es versucht und ich finde seine Worte müssen sorgfältig gelesen werden.

    In dem Karate-Buch von Werner Lind: Klassisches Karate-Do, ist ein Kapitel : negative Stimulation, das Kyushojutsu , habe ich das erste Mal darüber gelesen. Ausgabe Sportverlag von 1997.
    Machte mir aber keine Hoffnung, das in mein Karate-Training mit einzubeziehen.
    In einem Sparring die Punkte zu treffen?
    Der Gegner oder Partner bewegt sich ist sehr schwer.

    Dann Kyusho – Reinisch- Höller- Maluschka – Meyer&Meyer Verlag gekauft.
    Auf über 200 Seiten versuchen die Autoren diese Angriffspunkte zu erläutern.
    Mit schönen Fotos und viel Text. – Ausgabe 2009,
    Lustig ist der Text zu einem Foto auf der letzten Seite.
    Wenn der Gegner jedoch dick vermummt ist, sind viele Optionen unwirksam.

    Daher stimme ich Stephan bei, einige Angriffspunkte ( sollte ich schon kennen )
    aber nur auf das Kyusho verlassen?
    Übe daher weiterhin Karate.

    Den Beitrag von Stephan finde ich gut.

    1. Hallo Gerhard,
      das hast du auch richtig bemerkt. Dass das gezielte Drücken eines spezifischen Punktes bei einem sich bewegenden Gegner nahezu unmöglich ist, ist eins der zahlreichen Argumente, auf die von Seiten der Kyusho-Jutsu-Fanatiker nie eingegangen wird. Es wird einfach auf ein anderes Thema gewechselt, oder so getan, als gäbe es das Argument nicht. Typisches Sekten-Verhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.