Meine erste Begegnung mit Koryu Uchinadi (Tag 1)

Am vergangenen Wochenende hatte ich in Fritzlar meinen ersten Koryu Uchinadi-Lehrgang besucht. Der Lehrer war der deutsche KU-Vertreter Olaf Krey und der Lehrgang fand, wie üblich, an zwei Tagen statt. Am Samstag wurde das Grundcurriculum von KU behandelt und am Sonntag die Kata Aragaki Sochin (nach Aragaki Seisho) auseinander genommen.

Zunächst sollte ich vielleicht erklären, was Koryu Uchinadi ist. Laut Wikipedia (sorry, muss mich wieder darauf berufen, doch hier ist die Erklärung ziemlich gut) ist KU „ein von Patrick McCarthy begründeter moderner Kampfkunststil, der sich auf die Ursprünge des Karate beruft“. Patrick McCarthy dürfte den meisten als einer des bekanntesten Forscher auf dem Gebiet der Karategeschichte sein. Er übersetzte das Bubishi, veröffentlichte einige andere Pflichtlektüren, ist Leiter der International Ryukyu Karate Research Society (IRKRS) und gründete Koryu Uchinadi als eigenen Karatestil, bzw. eine „persönliche [Interpretation] allgemeiner Prinzipien“. Mit anderen Worten: Beim KU geht es darum die Grundlagen der Grundlagen zu erforschen und das Gelernte praktisch umzusetzen. So wurde auf dem Lehrgang die Praxis der Grundschultechniken von einer theoretischen Erklärung begleitet und stets veranschaulicht, dass hinter jeder Bewegung ein Sinn steckt. Etwas, was ich von nur wenigen Karate-Lehrgängen kenne. Meistens beruft man sich – noch immer – auf unrealistische und esoterische Ideen aus den 80-ern, doch beim KU war es anders. Dort wird man auf den Boden geworfen und festgenagelt, sodass jeder Widerstand unmöglich ist. Und ist das nicht der Sinn und Ursprung einer jeden Kampfkunst?

Doch eines nach dem anderen. Was macht KU so anders, als viele der anderen (mir) bekannten Karatestile?

  1. Es gibt keine Ausnahmen. Wenn etwas funktioniert, dann wird es genutzt. Würfe, Hebel, Bodenkampf und sogar Druck auf empfindliche Stellen des Körpers: Neben Schlag und Tritttechniken, wird das Wissen über die Anatomie und Funktionsweise des menschlichen Körpers praktisch vermittelt und im Training umgesetzt. Natürlich im Rahmen des Möglichen. Volle Kraft, beißen und Tritte in die Genitalien werden nur angedeutet, jedoch nicht ausgeschlossen. Das gibt es natürlich auch in anderen Dojos, sogar im Shotokan, doch das hängt zu sehr vom leitenden Lehrer ab und entspricht nicht den Vorgaben der jeweiligen Verbände.
  2. Die – für viele scheinbar immer noch mystischen – Kata werden Technik für Technik, bis ins kleinste Detail interpretiert und geübt.
  3. Im KU gibt es keinen klassischen Wettkampf (Shiai) mit den dazu gehörigen Einschränkungen. Die Absicht hinter KU ist einfach eine andere. Koryu Uchinadi ist ohne Partner unmöglich (wie eigentlich generell beim Karate, was viele aber zu oft vergessen), deshalb wird sehr viel miteinander trainiert und wer unbedingt gegen jemanden antreten und sich einigermaßen uneingeschränkt testen möchte, kann sich gerne im Oktagon behaupten, dies geschieht dann aber außerhalb von KU und auf eigene Verantwortung.
  4. Soweit ich es mitbekommen habe, gibt es innerhalb der einzelnen Dojos zwar Kyu-Grade, doch auf Lehrgängen wie diesen sieht man das nicht. Die meisten Teilnehmer tragen Weißgurte und nur ganz wenige Schwarzgurte. Die Atmosphäre ist dabei aber sehr entspannt. Die Grade scheinen keinen wirklich zu kümmern.

So viel zumindest zu meinem persönlichen Eindruck bei meiner ersten Erfahrung über zwei Tage. Wer mehr Details dazu haben möchte, sollte bitte dem oben genannten Link zu Wikipedia folgen. Und wenn die KU-Leute mich korrigieren möchten, dann bitte ich sie mir zu schreiben, oder die Kommentarfunktion zu nutzen. Ich werde den Artikel dann aktualisieren.

Nun aber zu einer genaueren Beschreibung des Lehrgang-Ablaufes:

Der Samstag fing mit einem Aufwärmtraining an, bei dem man stets einen Partner brauchte. Also nichts mit Hampelmann, Grätsche und dem üblichen Turner-Quatsch, den man sonst „traditionell“ machen muss. Zuerst war eine Dehnübung für die Beine an der Reihe, bei der man abwechselnd und im Rhythmus des Partners zuerst ein Bein, dann nach einem schnellen Fußwechsel das andere Bein hoch schwingen musste. Von zu schnellen dynamischen Dehnübungen halte ich nicht viel, doch bei dieser Übung wurde der Fußwechsel betont, da man ihn später noch brauchen würde. Dass ich mein Beine so hoch reißen musste und deshalb am Folgetag ein unwohles Gefühl in der ischiocruralen Muskulatur hatte, habe ich mir selber zu verdanken. Die Höhe wurde von niemandem festgelegt und das Tempo hätte ich mit meiner Partnerin absprechen können. Ich rate dennoch davon ab das ausgestreckte Bein über die Höhe hinaus zu schwingen, auf die man das Bein ohne Schwung und mit Muskelkraft alleine hoch bekommt. So ein Schwingen kann zu Zerrungen führen und das Training mehr behindern als fördern.

Die nächste Übung bestand darin mehrere Tritte in Kombination und ohne das Knie abzusenken zu üben: Mae Geri, Mawashi Geri (pro Runde immer einen mehr), Yoko Geri Kekomi zum Becken, Ura Mawashi und letztendlich einen Mae Geri (oder war das ein Yoko Kekomi?) zum Knie. Das war sehr anstrengend, denn dabei sollte man den Partner (leicht) treffen, also das Bein auf eine entsprechende Höhe anheben und dabei das Gleichgewicht halten. Das dauerte und bei den über 30°C war das sehr anstrengend. Die Frage, die ich mir dabei stelle war aber: Wozu das Ganze? Klar, wir hatten in dem Training auch Tritte ausgeführt, aber die waren sehr wenige und dabei waren sicherlich keine Ura Mawashis. Gleichgewichtsübung? Krafttraining? Da gibt es effektivere. Es fallen mir keine Gründe ein, als das Schweißtreiben, was ich bei der Hitze und dann gerade am Anfang des Training für wenig sinnvoll halte.

Die Übung darauf war schon viel mehr auf das kommende Training abgestimmt. Der Partner begab sich kniend auf alle viere und man sollte über ihn springen, schnell wenden, über ihn rollen, sofort unter ihm auf dem Rücken durch kriechen, den sogenannten Shrimp auf beiden Seiten ausführen und mit einer Rückwärtsrolle abschließen. Dann das Gleiche auf der anderen Seite. Mehrere Wiederholungen.

Es folgten noch einige weitere gute Aufwärmübungen und dann war die Fallschule dran. Rollen vorwärts und rückwärts, Sprungrollen, den Fall abfangen, das Übliche, wobei die wichtigsten Punkte, die dabei beachtet werden sollten, von Olaf genau erklärt wurden.

_DSC1210Dann waren die eigentlichen Inhalte dran, das Kerncurriculum – Einzelübungen und Partnerdrills. Jede Übung wurde mit klaren Ansagen und Erklärungen begleitet und die Drills machten aus meiner Sicht viel Sinn, denn sie bereiteten auf jede reale Situation so vor, dass man nach genügend Übung in vielen Fällen adäquat reagieren könnte. Olaf betonte aber immer wieder, dass es nicht darum geht eine neue und „coole“ Technik zu erlernen, sondern durch die vielfältigen Techniken die Prinzipien der Körperfunktion und der menschlichen Anatomie zu begreifen und durch viel Übung in das Unbewusste einzuprägen. Indem man vielfältige Reaktionsmöglichkeiten auf alle möglichen Situationen immer wieder übt, wird man, im Idealfall, irgendwann in der Lage sein, in jeder Situation und ohne nachzudenken sich schnell und korrekt zu drehen, das Gewicht so zu verlagern, dass man stabil bleibt und gleichzeitig eine Technik auszuführen, die den Feind in eine ungünstige Position bringt (ihn außer Gefecht setzt) und/oder einem die Flucht ermöglicht. Mir fällt jetzt keine realistischere Herangehensweise an die Selbstverteidigung ein. Dies ist das Grundprinzip von Selbstverteidigung und es steckt im Kern von Koryu Uchinadi. Welche Techniken dann gezielt geübt werden, ist Sache des Lehrers und der Schüler. Natürlich werden im KU vielseitige Techniken trainiert, doch für meinen Geschmack wurde etwas zu viel Fokus auf Würfe und Hebel gesetzt. Aber vielleicht war ich auch nur genervt davon, dass ich gerade diese Dinge bisher nicht ausreichend geübt hatte. Auch die Hüfte wird im KU, meines Erachtens nach, zu viel geschwungen und ihr Einsatz ist scheinbar eher äußerlich betont, als innerlich kontrolliert gesteuert. Ob das aber wirklich so war, kann ich nicht sagen, denn wie soll man die ganze Tiefe eines Stils an zwei Tagen begreifen? Solche Bemerkungen sind also wirklich nur Gedanken von mir und sollten nicht zu ernst genommen werden. Ich werde mir die entsprechende DVD kaufen und hoffe, dass diese Dinge dort erklärt werden.

Zurück zum Lehrgang: Was mir nicht klar war, ist dass der Lehrgang an KU-Leute mit Erfahrung abgestimmt war. Neben mir gab es noch drei-vier andere Anfänger, die ein einfacheres Training machen konnten, doch ich fühlte mich in der Gruppe etwas unterfordert. Als ich dann in die größere Gruppe wechselte, war ich hingegen etwas überfordert. Es ist aber auch verständlich, dass man bei maximal 15% von blutigen Anfängern nicht den gesamten Plan für den Rest umstellt und langweilig macht, also musste ich mich anpassen und danke meinen Trainingspartnern für ihre Geduld und die Erklärungen!

_DSC1275Nach mehreren Stunden Drills und einer Mittagspause ging es nun in die noch heißere Halle, da diese nun von der Nachmittagssonne beleuchtet war. Ich fühlte mich wie in einer Sauna und sollte nun auf einmal Tabata-Übungen machen, was nur ein kleiner Scherz von Olaf zu sein schien. Jedes Mal wenn er danach fragte, ob jemand noch kalt sei, antwortete niemand mehr mit „ja“. Scherz hin, oder her, aber bei der Hitze musste das wirklich nicht sein. Zumal ein heftiges Schwitzen keine Garantie für ein ordentliches Aufwärmen ist. Aber ich nehme das Olaf nicht übel, denn er ist ein Guter und die meisten Leute hatten auch kein Problem damit. Gezwungen oder schief angeguckt wurde auch niemand. Wie gesagt, die Atmosphäre war entspannt und jeder fokussierte sich auf die Inhalte, nicht auf andere Leute. Für die letzte Stunde wechselten wir in eine kühlere Halle, was eine schöne Geste war, aber meinem überforderten Kopf auch nicht mehr half. Es war einfach zu viel Stoff, den ich mir merken wollte.

Nach dem Duschen ging es dann in kleiner Runde in ein Restaurant, wo wir über KU, Karate allgemein, Bücher, Gott und die Welt redeten, was einen sehr angenehmen Abschluss dieses Trainings darstellte.

Zusammenfassend kann ich den Tag als sehr anstrengend, fast unerträglich heiß, aber sehr lehrreich beschreiben und die Leute waren freundlich, geduldig und locker drauf. Nun stand mir aber noch ein zweiter Tag bevor und dieser schien zwar nicht viel kürzer, oder kühler zu werden, dafür aber noch interessanter…

Hier geht es zum zweiten Teil.

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