11 Dinge, die ich im Karate umlernen musste

Eine Sache, die ich glücklicherweise recht früh verstanden habe, ist, dass man im Karate immer und immer wieder umlernen müsste, um sich weiter zu entwickeln. Und damit meine ich gar nicht, dass man etwas zuerst falsch lernt und es erst später richtig macht. Das sollte auf keinen Fall geschehen. Ich meine, dass man richtig lernt, aber mit der Zeit feststellt, dass das Gelernte womöglich nicht mehr unbedingt mit der eigenen Entwicklung kongruent verläuft, also den Zweck nicht mehr erfüllt. Was im ersten Jahr galt (Stände, Fausthaltungen), gilt nach sieben Jahren nicht mehr.

Warum das Umlernen gelernt werden sollte

Es ist nun mal so, dass man einen Anfänger damit überfordert, wenn man ihm von Anfang an etwas über die Feinheiten der Gewichtsverlagerung, von Wellen, diagonalen Aktivierungen und Impulsen erzählt. Bevor man lernt zu laufen, sollte man erstmal lernen zu gehen. Doch die Basis, auf der später alles aufbauen wird, sollte nicht zu realitätsfremd sein. Leider ist das in den meisten Fällen nicht so. Durch die Institutionalisierung, Politisierung und Vereinfachung des Karate hat sich zu vieles eingeschlichen, was gar nichts mehr mit der eigentlichen Lehre (also der, die funktioniert und Sinn macht – und davon gibt es nicht nur eine) zu tun hat. Wirklich gute Lehrer sind wirklich schwer zu finden und aus diesem Grund ist man als neugieriger Karateka, möglicherweise nach Jahren des gewohnten Trainings,  gezwungen einige Dinge komplett umzulernen. Doch auch darin sehe ich etwas Gutes, denn das lehrt einen flexibel zu sein.*

Ich fing in der JKA-Tradition (Shotokan) an, erweiterte diese Lehre nach ca. einem Jahr mit Asai-ryu, nur um auch dies nach weiteren zwei Jahren komplett aufzugeben. Dann machte ich Ausflüge in das okinawanische Goju-ryu (inkl. Hojo Undo), Shorin-ryu, Koryu Uchinadi, Kobudo, Movement (nach Ido Portal, Akira Hino etc.) uvm. Viele Dinge mussten umgelernt werden, um sich meinem Körper, meinen Zielen und meiner Persönlichkeit anzupassen.

Vielleicht hast du ähnliche Erfahrungen gemacht, vielleicht werden für dich einige dieser Punkte eine Neuheit sein. Vielleicht kann ich dir einen Hinweis geben, wo es noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt, oder dir zeigen, dass du auf deinem Weg nicht alleine bist. Hier sind 11 Dinge, die ich auf meinem Karate-Weg umlernen musste:

1: Die Faust

Anfangs hat man mir erklärt wie man eine Faust bildet: Die Finger, vom kleinen Finger anfangend bis zum Zeigefinger, in die Handinnenfläche falten und den Daumen über den Zeige- und Mittelfinger legen, um die Faust zu stabilisieren. Der Klassiker. Allerdings führt diese Haltung unmittelbar zu Verspannungen in der Hand, dem Unterarm und folglich allen damit verbundenen Muskeln. Entspannung ist jedoch zu empfehlen, wenn man noch etwas von seiner Ausdauer haben und Energie effizienter transportieren möchte. Also musste ich lernen die Faust nicht komplett zu falten, wobei die Fingerspitzen nur leicht die Handinnenfläche berühren. Viel mehr muss auch wirklich nicht sein, denn die Faust ist auch so stabil genug und tut beim Aufprall mit dem Gesicht sehr weh.

2: Das Vorgehen und Auftreten

Halbmondschritte sind schwer abzugewöhnen. Sehr schwer. Ich habe heute noch Probleme damit. Und warum hatte man mir das überhaupt so beigebracht?! Halbmondschritte machen gar keinen Sinn! Die Bewegung dauert länger, ist indirekter und auch der Körperschwerpunkt schwabbelt dabei hin und her. Viel effektiver, einfacher und gewohnter sind gerade Schritte nach vorne. Ob man dabei mit dem Fußballen, oder der Ferse auftritt, hängt von der Kampfsituation und der Absicht ab. Klar, das sieht dann nicht mehr so wie in den Samurai- und Ninja-Filmen aus, aber willst du kämpfen lernen, oder schauspielern?

3: Timing

Auch hier hieß es für mich bis vor kurzem, dass die Technik gleichzeitig mit dem Auftreten ausgeführt wird. Aber warum? Sämtliche Erklärungen wie „besseres Kime“ und „besser für die Partnerübung“ halten einer kritischen Hinterfragung mit Realitätsbezug nicht stand. Man kann einen Faustschlag bereits vor dem Auftreten, oder auch mit einer Verzögerung danach ausführen. Probiere es aus! Solange man den Körper dabei richtig einsetzt und den Impuls korrekt weiter gibt, macht es überhaupt keinen Unterschied, ob der Treffer gleichzeitig mit dem Auftreten, oder erst eine Sekunde danach stattfindet.

4: Kiai

Lass den Kiai weg. Braucht kein Mensch. Auch in Kata nicht. Eine Schrei-Therapie ist etwas wertvolles, aber das Karatetraining ist nicht das richtige Setting dafür. Der einzig sinnvolle Einsatz dafür ist, um dem Anfänger beizubringen das Zwerchfell für die Atmung zu benutzen, doch so weit kommen viele gar nicht erst. Die meisten Karateka schreien aus dem Hals, nicht aus dem Bauch, und atmen nur oberflächlich, selbst wenn sie den Kiai im Karate praktizieren. Der richtige Kiai sollte gelernt werden (hat Ähnlichkeit mit einem kurzen Husten) und bevor man damit anfängt, könnte man auch gleich damit anfangen korrekt zu atmen.

5: Hinten abstoßen vs. vorne fallen lassen

Kurz zusammengefasst: Karate-Wettkämpfer stoßen sich hinten ab. Diese Methode ist für das ungeübte Auge weniger auffällig, aber auch sehr von der Explosivkraft der Beine abhängig und kann nur sehr eingeschränkt eingesetzt werden. Viel effektiver, sparsamer und gelenkschonender ist hingegen das sich nach vorne fallen lassen, indem man sich von der Schwerkraft führen lässt. Diese Methode kann man einsetzen auch wenn man schon älter ist und nicht über viel Kraft in den Beinen verfügt. Meine Logik dahinter ist:

Warum soll ich jetzt etwas lernen, nur weil ich es kann, um es später wieder umlernen zu müssen? Ich mache es lieber gleich richtig!

Yokoyama nennt diese Methode Tobokuho, den „fallenden Baum“ (Yokoyama: 32). Dieses Fallen lässt sich erreichen, indem man sich nach vorne kippen lässt, ähnlich wie in der ersten Bewegung der Kata Bassai/Passai, um sich dann sanft abzufangen. Für die Bewegung nach vorne hat man somit keine Kraft verbraucht, sondern nur zum Stoppen dieser.

Erste Bewegung der Shotokan-Kata Bassai Dai: Ich stoße mich nicht ab, sondern lasse mich nach vorne fallen. (Spiegelverkehrte Ansicht)

Eine andere Variante ist das Nachgeben im Knie, oder das Anheben des stützenden Beines, um einen Fall nach vorne zu erzeugen.

Age Uke im Vorgehen: Ich nehme die Kraft aus dem vorderen Knie und lasse die Schwerkraft wirken, um mich am dann wieder aufzufangen.

Mae Geri mit Schritt nach vorne: Ich hebe das stützende Bein an und lasse die Schwerkraft wirken, fange mich wieder auf und verwende den Impuls aus der Bewegung für die darauf folgende Tritttechnik.

Als Infomaterial empfehle ich Kazumasa Yokoyamas „Principles of Karate“ und Peter Ralstons „The Principles of Effortless Power“. Die Inhalte dieser Bücher sind anfangs recht schwer zu verstehen, doch wenn man sich länger damit beschäftigt, erkennt man immer mehr Parallelen, z.B. zwischen den Lehren von Ralston, Yokoyama, Hino, DK Yoo und sogar nicht-Kampfkünstlern wie Ido Portal!

6: Mobilisierungstraining

Über das sogenannte „Aufwärmtraining“ habe ich erst neulich einen Artikel geschrieben. Check it out!

7: Tritte

Auch über Tritte gibt es bereits einen Artikel. Nochmal kurz zusammen gefasst: Alles, was dir so erzählt wurde, ist viel zu eingeschränkt. Tritte sind viel Komplexer, als gedacht und doch einfacher in der Ausführung als unterrichtet. Folge deinem Körper: Bleibe entspannt, trete stark und nicht zu hoch (außer wenn es dir Spaß macht und nicht zu Verletzungen führt). Und der Spagat wird eh überbewertet.

8: Stände**

Die Ausarbeitung dieses Punktes wurde ganz schön lang, deshalb habe ich beschlossen einen separaten Artikel darüber zu schreiben. Hier werde ich nur kurz anreißen:

  • Stände sind nur Momentaufnahmen von fließenden Bewegungen, deswegen sollte man weg von statischen Ständen, hin zu einer kontrollierten Gewichtsverlagerung.
  • Zu tiefe Stände und unnatürliche Stände, bei den entgegengesetzte Kräfte innerhalb einer Gelenkstruktur wirken, können sehr schädlich sein und u.a. zu Verspannungen und Arthrosen führen.
  • Stände sollten funktionell sein. Wenn sie durch ihre Tiefe eine optimale Kraftübertragung behindern, sollten sie höher sein. Tiefe Körperhaltungen sind aber nicht grundsätzlich schlecht, solange sie natürlich bleiben. In der Bewegungslehre nach Ido Portal und anderen Lehrern werden tiefe Körperhaltungen (je näher an dem Boden, desto besser) propagiert und auch ich mache viele Dinge auf dem Boden, wie z.B. den Lizard Crawl. Jedoch sollte man die Ziele des Primal Movements und die der Kampfkunst, bei all ihren Parallelen, unterscheiden können und diese Disziplinen nicht vermischen, wenn es nicht sinnvoll ist.

9: Kime

Selbst auf Okinawa weiß niemand wirklich was Kime bedeutet. Dieser Begriff kursierte viele Jahrzehnte von Schule zu Schule und jeder verstand etwas anderes darunter. Mit dem Aufstieg des versportlichten Shotokan-Version des JKA hat man versucht Kime als das zu definieren, worunter man es heutzutage überwiegend versteht: Völlige, kurzzeitige Verspannung des gesamten Körpers am Ende einer Technik. Aber das ist Unsinn. Verspannung führt nie zu etwas gutem, macht langsam, aggressiv, führt zu gesundheitlichen Schäden (siehe: Muskelpanzer) und behindert die optimale Energieweitergabe.

Das „Kime“, das viele heute kennen, wurde eigentlich eingeführt, um den Angriff im letzten Moment vor dem Ziel zu stoppen. Das sollte den Wettkampfanforderungen und dem Sundome zugute kommen. Sicherlich keine gute Voraussetzung, wenn man lernen möchte realistisch zu kämpfen, nicht wahr?

Wenn ich jetzt Kime definieren müsste (und bis heute gibt es keine eindeutige Definition), dann würde ich es eher als eine Welle bezeichnen, die vom Ursprung (Boden), durch den ganzen Körper bis hin zum Ziel geht, mit so wenigen Unterbrechungen wie möglich, um eine optimale Energieweitergabe zu gewährleisten. Am Ziel wird die Energie maximal abgegeben, wobei man sicher geht, dass sie nicht durch einen Rückstoß wieder zurück in den Körper geht, sondern im Ziel verbleibt. Dieser ganze Prozess, aber vor allem sein Abschluss, ist für mich Kime. Das ist kompliziert, hat viel mit dem Körpergefühl zu tun und muss gründlich und achtsam trainiert werden. Auch ist es schwer dies in Worte zu fassen, was wohl der Grund für die vielen Fehlinterpretationen ist.

Grundsätzlich kann ich aber sagen: Je entspannter du an die Übung heran gehst, desto höher die Erfolgschancen. Je mehr du deine Muskeln anspannst, um Kraft zu generieren, desto länger wirst du brauchen.

10: Aufrechte Körperhaltung vs. Vorlage

Zu dem scheinbar aufrechten Oberkörper und den Problemen, die dadurch entstehen könnten, habe ich auch einen Artikel geschrieben. Inzwischen neige ich mich vor, wenn es sich richtig anfühlt und die Kraft korrekt transportiert. Bis man soweit ist, muss man aber erstmal ein gewisses Körpergefühl und das Gefühl für den Körperschwerpunkt entwickeln.

11: Blocken vs. abwehren und hebeln

Äh, ja, mein erster „Lehrer“ arbeitet als eine Art Hausmeister, Medientechniker und Installateur für alles an der Uni. Wann immer es eine große Veranstaltung gibt, ist er für das Tragen und Errichten zuständig. Der Kerl hat Arme aus Stahl und die nutzt er auch entsprechend. Als ich bei ihm Karate (JKA-Style) lernte, musste ich blocken, im klassischen Sinne: Muskel an Knochen. Soto Uke, Uchi Uke, Age Uke, Gedan Barai… der Mann verstand diese Techniken nur als reine Blocktechniken. Während man diese Bewegungsformen tatsächlich zum stumpfen Blocken nutzen könnte (vgl. Mabuni: 81f.), gibt es weitaus mehr Einsatzmöglichkeiten dafür (ebd.). Abgesehen davon, dass eine Abwehrtechnik (ja, ja, wir sollten inzwischen alle wissen, dass uke „Aufnahme“ heißt und nicht „Block“) auch als Angriff genutzt werden kann, so kann die selbe Bewegung auch als Hebel angewendet werden, z.B. der Soto Uke als Ellenbogenhebel.

Mit der Zeit ist mir klar geworden, dass wir nicht einzelne Techniken lernen, sondern kampfspezifische Bewegungsmuster, die sich unterschiedlich einsetzen lassen. Dafür sind auch Kata da.

Fazit

Die wohl wichtigste Sache habe ich bereits am Anfang erwähnt: Man lernt immer wieder um. Budo verlangt von einem anpassungsfähig zu sein: An die Zeit, an den eigenen Körper, an die Umgebung, an die Laune usw.

In fünf Jahren werde ich vielleicht wieder ganz viele Dinge verändert haben, oder die bestehenden Dinge so weit verbessern, dass sie evtl. anders aussehen, aber im Prinzip gleich geblieben sind. Die äußere Form ist sowieso unwichtig. Wichtig ist das, was für einen selbst funktioniert und was einem selbst gut tut.

 



*ich weigere mich grundsätzlich unangenehme Erlebnisse als nur schlecht zu betrachten. Alles ist eine Lektion und eine Chance stärker zu werden… auch wenn ich manchmal selber mit einem bitteren Lächeln über diesen Gedanken ironisiere.

**Stände könnte man auch als Fußpositionen bezeichnen (vgl. Yokoyama: 58).

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