Die Geheimnisse Okinawas, Teil 2

In diesem Artikel erkläre ich, dass Karate auf Ryukyu nie von der Regierung verboten wurde, warum einige alte Meister ihre Praxis dennoch geheim hielten und warum es wichtig ist die Dinge richtig zu erzählen, richtig zu benennen und Unwahrheiten zu entlarven.

Karate wurde auf Ryukyu nie offiziell verboten

Die Annahme, dass das Karatetraining auf Ryukyu früher im Geheimen praktiziert werden musste basiert auf einer Fehlübersetzung von Funakoshis Autobiografie. In dieser schreibt er, dass Karate früher nicht in der Öffentlichkeit ausgeübt wurde, was jedoch zuerst ins Englische und dann ins Deutsche so übersetzt wurde, als hätte die Regierung Karate verboten, was aber nicht der Fall war. Mehr darüber in diesem großartigen Artikel von Henning Wittwer.

Eine Delegation des Königreiches Ryukyu in Edo im Jahre 1710. Die Waffen sind deutlich zu erkennen.

Gestützt wird die Idee der Geheimhaltung von der Fehlannahme, dass die Shimazu-Samurai 1609 den Besitz von Waffen verboten hatten (Funakoshi 2000: 27; Mabuni 2009: 34; Nagamine 1998: 21), was historisch nicht korrekt ist und ebenfalls auf Fehlübersetzungen und Fehlinterpretationen zurückzuführen ist. Mehr dazu im entsprechenden Artikel von mir. Besonders kreative Köpfe wie z.B. Nagamine Shoshin, die ja bereits dafür bekannt sind ihre Geschichten auszuschmücken (siehe dafür seine Version von Matsumura und dem Bullen), beschrieben diese dann mit einem solchen Detailgrad, dass ein Leser, der die historische Genauigkeit dieser Überlieferung nicht überprüft, dazu geneigt ist alles aufs Wort zu glauben.

Diese Fehlannahmen und ihre ständige Wiederholung und Betonung in minderwertiger Karateliteratur, die leider den Großteil auf dem deutschen Büchermarkt ausmacht*, erwecken den Eindruck, als ob die Einwohner Ryukyus andauernd unterdrückt wurden, weshalb sie ihre Kampfkunst besonders effektiv machen und heimlich ausüben mussten. Das gibt dem ganzen einen Hauch des romantischen und mysteriösen, was schön klingt und sich gut verkaufen lässt.

Fakt ist, dass Karate auf Ryukyu niemals von der Regierung verboten wurde.

Es wurde sogar gefördert, als Training für die Beamten und dann nochmal verstärkt als Itosu es in den Schulunterricht integrieren wollte. Doch davor wurde es von vielen tatsächlich im Geheimen ausgeübt. Warum? Das könnte viele Gründe gehabt haben…

Mögliche Gründe für die Geheimhaltung

Es gab Lehrer, die ihren Stil „rein“ halten wollten und die Lehre unverändert weiter gaben. Das Problem mit diesem Denken habe ich bereits im ersten Teil dieses Artikels beschrieben.

Ein weiterer Grund könnte der Scham für alles alte sein. Die Sache ist folgende: Nachdem Japan ihre Grenzen für den Import westlicher Werte und Kulturgüter geöffnet hatte, wurde alles traditionelle eine Zeit lang als archaisch und überholt betrachtet und auch die Ausübung einheimischer Kampfkünste war nicht gerne gesehen und wurde beschämt (Clark 2003: 12). Dazu fällt mir die „rebellische Laune“ aus meinem Artikel über Kihon ein: Wenn jemand so sehr vom alten enttäuscht ist, dass er alles aufgibt, ohne es komplett verstanden zu haben und sich fanatisch dem neuen hingibt.
Es ist durchaus möglich, dass einige Karatelehrer auf Ryukyu/Okinawa diesem japanischen Trend folgten und sich schämten zuzugeben, dass sie Karate praktizierten. Dies ist allerdings nur eine Idee. Schließlich gab es Lehrer, die hohe Posten inne hatten und dennoch bekannt dafür waren Karateka zu sein. Sehr oft wurde das als positives Charaktermerkmal betont.
In Okinawan Karate wird beschrieben, dass Kanryo Higaonna nach China reiste, da er auf Ryukyu keine guten Lehrer finden konnte, weil diese ihre Geheimnisse für sich behalten wollten und die Demonstration der Technik als schlechter Ton galt (Bishop 1999: 25)**.

Dann gab es Personen, die meinten, dass das Preisgeben der eigenen „geheimen“ Techniken dem Feind einen Vorteil verschaffen könnte. Laut Funakoshi sammelte sein Lehrer Azato sämtliche Informationen über andere Kampfkünstler seiner Zeit (Funakoshi 2000: 38). Möglicherweise war so ein Verhalten einigen nicht geheuer. Dazu kommt die Rivalität unter einigen Lehrern. Obwohl es normal war für einen Karate-Schüler auf Ryukyu von mehreren Lehrern unterrichtet zu werden, könnte ich mir denken, dass es einige Lehrer gab, die ihre Lehre nicht so öffentlich zugänglich machen wollten.

Der selbe Azato Anko sprach darüber, dass das Kampftraining (wahrscheinlich inklusive Waffen) von der Regierung in Shuri gefördert wurde (vgl. Wittwer: 112).

Aber was sind schon „geheime Techniken“? Wir leben in einer Zeit, in der jeder Marvel-Superheld wie ein Meister kämpft und es gibt unzählige Kampfarten, die in fast jeder Stadt und für jeden angeboten werden. Es gibt nur wenige Menschen, die noch nie etwas von Bruce Lee oder Jackie Chan gehört haben und somit weiß auch jeder, dass man sowohl mit der Faust als auch mit der Handkante schlagen und sogar treten könnte. MMA ist richtig in, sogar bei den, die selber keine Kampfkünste ausüben. Nicht jeder kann das und nicht jeder kennt die Details dazu, aber jeder könnte, wenn er wollte, dies erlernen. Das ist der Segen der Zeit, in der wir leben. Früher war das nicht so. Da musste man den Menschen zeigen, dass sie überhaupt treten, oder den gegnerischen Ellenbogen zum Hebeln nutzen können. Damals waren das Geheimnisse, die gehütet wurden.

Wie man sieht, waren gab es viele persönliche Gründe die eigene Kampfkunst und ihre Praxis vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen, aber keinen, der von der Regierung diktiert wurde.

Training in der Öffentlichkeit und privat

Wie „geheim“ war dieses Training schon, wenn z.B. Itosu ca. 6-7 Schüler gleichzeitig trainierte (Noble 2003: 11), bevor seine Version des Karate in der ersten Schule eingeführt wurde? Auch beschreiben viele Lehrer wie Motobu, Funakoshi usw. an vielen Stellen wie sie und ihre Lehrer bei unterschiedlichen Experten trainierten, also waren die Namen dieser Lehrer und das was sie trainierten schon mehreren Leuten bekannt. Sicherlich keine gute Voraussetzung etwas zu unterrichten, was von der Regierung verboten war, oder? Aber dass das nicht der Fall war, dürfte inzwischen klar sein.

Was wohl wirklich geheim gehalten wurde, war nicht die Tatsache, dass unterrichtet wurde, sondern die Trainingsinhalte und mögliche Gründe für diese Geheimhaltung habe ich bereits genannt. So wie es für mich aussieht, dürfte man das Wort „geheim“ durch „privat“ ersetzen und erhält ein durchaus authentisches Bild davon, was sich wirklich ereignete: Viele Lehrer trainierten ihre Schüler privat, so wie viele Trainer es auch heute machen, nur dass das früher wohl kein offizieller Job war, die Lehrer sehr wählerisch waren und aufgrund ihrer Hauptberufe nicht immer die Zeit dafür hatten, was u.a. Funakoshis nächtliches Training bei Azato erklären könnte, denn beide hatten tagsüber schon genug zu tun.

Über Privatunterricht wird übrigens auch in dieser sehr informativen Radiosendung gesprochen (ab 15:40). In der selben Sendung wird nochmal bestätigt, dass weder der Waffenbesitz, noch die Karatepraxis auf Ryukyu verboten waren!

Es gab auch Lehrer, die bereits öffentlich gelehrt hatten, während andere sich noch weigerten dies zu tun.

Kogusuku (Kojo) Taite (1838 – 1917), der einer der ersten Lehrer von Funakoshi Gichin gewesen sein soll, mochte die Geheimtuerei anderer Lehrer nicht und unterrichtete auf einem Strand. Übrigens soll Kanryo Higaonna ein sehr tüchtiger Schüler von ihm gewesen sein (Swift 2002: 3), was Eiichi Miyazatos Aussage aus Bishops Buch darüber, dass er keine Lehrer auf Ryukyu finden konnte, widerspricht.

Was bedeutet das für uns heute?

Warum ist es für mich so wichtig genau zu erklären, dass Karate auf Ryukyu nie offiziell verboten wurde? Erstens ist es die Wahrheit (zumindest ist das der aktuellste Erkenntnisstand) und es ist wichtig die Wahrheit weiter zu geben, soweit es möglich ist. Früher war das verbotene Training die akzeptierte Wahrheit, auf der weitere Annahmen basierten, heute wissen wir mehr, also sind wir verpflichtet die neuen Erkenntnisse weiter zu geben. Nur so gibt es Progress und nur so kann die Sache (in diesem Fall die authentische Kampfkunst) eine lange Zeit überleben.

Zweitens vermeidet man so „Verunreinigungen“ durch Fantasie und Bullshido. Gerade weil so viele Karateka an die romantischen Geschichten über die Geheimtechniken alter Meister glauben, sind sie leichte Beute für No-Touch-KO- und „Kyusho-Jitsu“-Artisten, denn schließlich haben diese Meister ihre streng geheimen Techniken von ihren okinawanischen Lehrern gelehrt bekommen. *zwinker*

Indem man auf den nackten König hinweist, also Unfug bloß stellt, realistisch denkt, sowie die Skepsis an richtiger Stelle und zur richtigen Zeit einsetzt, vermeidet man, dass die eigene Kampfkunst absurde Formen annimmt. Karate ist auch ohne diese Geheimnisse sehr komplex, interessant und vielseitig.

 



*ich habe aber auch genug Literatur in anderen Sprachen gelesen, wo es nicht besser ist.

**dies basiert jedoch, wie auch vieles andere, überwiegend auf mündlichen Überlieferungen und muss somit nicht der Wahrheit entsprechen.

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4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo Philipp,
    Ich lese noch immer sehr gerne Deine Beiträge 🙂
    Wie immer sehr interessant und informativ geschrieben.
    Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deiner Abschlußarbeit.
    Liebe Grüße
    Evelyn

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