Gedanken zum „Schwarzgurt-Ideal“

Neulich bin ich meine Karteikarten mit Notizen zu möglichen Blog-Themen durchgegangen und mir ist etwas zu dem Artikel über die Schwarzgurtprüfung als Ritual eingefallen, was ich da nicht erwähnt hatte.

Es gibt Leute, die meinen sie müssten auf ihre Schwarzgurtprüfung viele Jahre warten, bis sie soweit sind, denn der Kuro-Obi soll angeblich eine große Ehrensache sein. In dem Artikel betone ich, dass die Prüfung nicht mehr allgemein bewertet werden kann, da jeder Verband und jeder Verein eines jeden Stils unterschiedliche Prüfungsanforderungen hat (und meistens sind sie nicht sehr hoch, solange das Geld gezahlt wird).

Insofern sei es auch den Leuten gegönnt, die sich Zeit mit der Prüfung nehmen. Das Problem entsteht aber, wenn diese Leute sich die Zeit nehmen, weil sie idealisierte Vorstellungen über den Schwarzgurt haben, denn meistens wurden sie inspiriert durch Kung-Fu und Samurai-Filme und die heldenhafte Darstellung des Meisters. Das alles hat aber sehr wenig mit der Realität zu tun.

Es ist oft die Rede von einem „vollkommenen Charakter“, der mit dem Schwarzgurt einher geht. Lass mich dir eins sagen: Ich kenne keinen Menschen mit einem vollkommenen Charakter. Das ist ein Ideal, nach dem man zwar streben darf, welches man aber nie erreichen wird. Und das darf nie vergessen werden.

Der vollkommene Mensch ist derjenige, der Frieden mit all seinen Unvollkommenheiten geschlossen hat. Perfektionismus ist hingegen eine psychische Krankheit.

Früher war der Gürtel tatsächlich nur dazu da, um die Jacke zu zu halten. Dann wurde etwas Bedeutung hinein gebracht, um die Leute zu motivieren. Alles schön und gut. Doch spätestens wenn unrealistische Vorstellungen mit einem Stück Stoff in Verbindung gebracht werden, sollte man stutzig werden.

Die „Regelstudienzeit“ für den Schwarzgurt beträgt heutzutage in den meisten Dojos/Vereinen/Verbänden ca. 5 Jahre, und das selbst dann, wenn man sich nicht zu viel Zeit lässt. Im Vergleich dazu hatte der berühmte südafrikanische Shotokan-Karateka Stan Schmidt seinen Shodan nach ca. zwei Jahren und einem Intensivtraining erhalten (vgl. Schmidt: 1998). Masahiko Tanaka erhielt seinen Shodan nach 3 Jahren (vgl. Tanaka: 2004) und eine gewisse  83-Jährige Frau Amuro Tomi erhielt ihren Shodan (im Okinawa Funakoshi-ryu Karate Kobudo Association, Seiryukan Yonabaru Dojo…) nach nur 2,5 Jahren Training, wobei sie nur zwei Mal in der Woche trainierte (Swift 2004b: 10).

Im Gegensatz dazu trug einer meiner ersten Lehrer seinen Braungurt mehr als 10 Jahre, bis er sich „bereit“ dazu fühlte die Prüfung zum Shodan abzulegen. Dieser Mensch ist noch heute, nach über 20 Jahren Praxis, technisch auf einem ganz niedrigen Niveau. Der gleiche Lehrer sagte zu mir, ich soll mir einen Schwarzgurt aus Seide holen, weil dieser schon nach kurzer Zeit abgenutzt aussehen würde. Ich holte mir stattdessen einen unbestickten Baumwollgürtel, weil er günstiger war (und zugegeben – auch ein bisschen aus Protest).

Du siehst also, dass alles relativ ist. Lass dir bitte nichts einreden bezüglich des Schwarzgurtes. Es ist das, was du dir daraus machst. Dabei solltest du weder unrealistischen Idealen folgen, noch deine eigenen Fähigkeiten überschätzen. Der erste Kuro-Obi (Shodan) ist tatsächlich „nur“ ein Zeichen dafür, dass du die Grundschule einigermaßen beherrschst. Mehr nicht. Damit bist du weder ein Meister, noch ein perfektes Wesen, aber auch kein Anfänger mehr. Gewisse geistige Fertigkeiten, wie z.B. die Bereitschaft das Gelernte komplett umzulernen, wären echt gute Voraussetzungen für den erfolgreichen Fortschritt…

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9 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo,
    danke für deine Beiträge. Bin zufällig über deine Seite gestolpert. Es ist schön zu sehen/lesen dass es noch mehr Karateka gibt die nicht in ihrer Verbandsstruktur gefangen sind und über den Tellerrand schauen!

    Zum Thema Schwarzgurt, habe ich eine ganz ähnliche Meinung. Ich habe meinen braunen Gürtel 2000 gemacht, weil ich unbedingt zum „Fortgeschrittenen Training / Lehrgängen“ fahren wollte… Danach waren mir „Gürtelprüfungen“ eigentlich egal. „Der Grütel schützt nur etwa 4cm deines Körpers, für den Rest bist du selbst verantwortlich“ oder so ähnlich… ob nun 3.Kyu oder 1.Kyu etc… war mir gleich, denn nicht die Gürtelfarbe macht es, auch sondern was du gelernt und erarbeitet hast. Außerdem gibt es unzählige Karateka die ihrem Gurt, kaum dass Können entgegenstellen können. Was auch die eigene Leistung – Gürtelprüfung – in Frage stellte…
    Ich hatte bestanden 3. Kyu der neben mir hatte zum 1.Kyu bestanden… die Hälfte der Katas vergessen, ständig in den Kombinationen gepatzt etc. … Heißt mein Bestehen, dass ich bin auch so schlecht wie der bin, dann sollte mich meinen Gurt besser abgeben, dachte ich… das Gurtsystem ist scheiße! Dann war länger Karatepause und ich besuchte viele „andere Systeme.“
    Letztendlich habe ich mich doch noch auf den Weg zum Shodan gemacht, denn als Braungurt wurde man nicht für vollgenommen. „Aha schon Braun…. welchen denn… soso erst 3. Kyu… na dann stell dich mal da auf“. Sowas ist mir als Shodan nie wieder passiert. Ich habe mir einen Prüfer gesucht, den ich respektieren kann, der selbst eine weitere Perspektive hat (auch wenn ich nicht alles gleich so sehe) und mich jeseits von Verbandspolitik geprüft hat. Der schwarze Gürtel war sehr wichtig für mich, da ich nun meine selbstbestimmte Reise antreten konnte, ohne ständig gegeängelt zu werden… um nun „MeinKarate“ zu trainieren, ohne Beschränkung auf Stile und Habitus etc.; Shotokan-Basis, mit einigem an Shito- und Goju-Ryu drin, ein wenig Beinarbeit aus dem Taeknowdo, Situationstraining aus den KravMaga, Weiche und geschmeidigere Bewegungen aus dem Caporeira etc…
    Früher musst ich mir immer anhören, dass macht man nicht, damit machst du deine Karatetechnik kaputt. Jetzt gibt es die Stimmen nicht mehr… auch wenn man mal eine „andere, fremde Technik“ mit ins Training einfließen lässt… schon seltsam und dass nur weil man einen schwarzen Baumwollriemen um die Hüfte gebunden hat. (Bewusst keinen aus Seide… 😉 war billiger und ich wollte dass ich meinen „ersten“ Schwarzgurt so lange wie es nur geht trage.

    Viele Grüße
    FRS

  2. Vor anderthalb Jahren habe ich mit Karate angefangen, es dient mir als Ausgleich und Ergänzung. Mein Budo-Herz gehört primär dem Kendo, aufgrund weiter Anfahrtswege schaffe ich es dort jedoch kaum mehr als 2 mal pro Woche zu trainieren. Zum Karate-Dojo habe ich es nur wenige Minuten zu Fuß. Als langjähriger Kendoka habe ich für die hohe Bedeutung der Gürtel im Karate bis heute kein Verständnis entwickeln können. Bei ‚uns‘ gibt es keine Gürtel, äußerlich gibt es keine Unterscheidung zwischen einem 4. Kyu oder einem 5. Dan. Auch käme kein Kendoka auf die Idee einen Shodan oder Nidan als „Meister“ zu bezeichnen. Das fängt gerade mal beim 6. Dan an.
    Ich habe mal einen interessanten Artikel über die „Bedeutung der Dangrade“ im Karate gelesen, in der Einleitung heißt es „Im traditionellen Karate-(Budo) Verständnis haben die Dan-Grade einen niedrigeren Stellenwert als heute (gerade im Westen) zumeist üblich […]“ und „Im ‚traditionellen Karate-Verständnis‘ sind erst die sehr hohen Dan-Grade (Kodansha) gleichbedeutend mit ‚Meister‘- oder ‚Lehrer‘-Titeln, nämlich Renshi- (5./6. Dan), Kyoshi- (7./8. Dan) und Hanshi-Grade (9./10. Dan). Die darunterliegenden Dan-Grade sind nach wie vor ‚Schüler‘-Grade, wenn natürlich auch auf höherem Niveau.“
    Mit diesem traditionellen Verständnis kann ich persönlich deutlich mehr anfangen und ein back-to-the-roots würde vielleicht auch dem westlichen Karateverständnis gut tun…

    PS: Ich war mir nicht sicher, ob ein Verlinken von Artikeln hier in den Kommentaren in Ordnung ist, weshalb ich es erst mal gelassen habe.

    1. Hallo Matthias,
      die Renshi-, Kyoshi-, Hanshi-(etc.)Titel gibt es bis heute auch in einigen Karatestilen. So trägt z.B. Patrick McCarthy, ein führender Historiker und gekonnter Kampfkünstler, einen rechtmäßig verdienten Hanshi-Titel. Allerdings ist das Problem mit solchen Titeln, wie auch bei Soke, Sifu und was weiß ich, dass kaum jemand von den Laien sie versteht und voneinander unterscheiden kann. Und so betitelt sich jeder halbstarke „Lehrer“ mit einem Minimum an Basiswissen als Hanshi und wird in seinem Verband (vgl. Kirche) vergöttert.

      Titel, Grade, Urkunden… sie sehen schön auf Papier aus, aber letztendlich sagen sie heutzutage kaum noch etwas über die eigentlichen Fähigkeiten aus. Es ist, wie ich schon sagte, nichts anderes als Ego-Politur und Penislängenvergleich. Nur die theoretische Expertise und die praktischen Fertigkeiten können da wirklich etwas sagen.

      Ich erlaube Artikel in den Kommentaren zu verlinken, solange es nicht rein zum Zwecke der Eigenwerbung dient und einen direkten Bezug hat. Solche Verlinkungen könnten interessierten Lesern durchaus weiter helfen. Aber es ist sehr vorausschauend von dir zuerst nachzufragen, das schätze ich. 🙂

        1. Oh nein, oh nein, nein, nein, nein…
          Diese Pseudo-Psychologie hat hier nichts zu suchen. Der gleiche Text wird von Seite zu Seite kopiert und hat rein gar nichts mit der Realität zu tun.

          Als ob ein fünfter Dan jemanden automatisch zu einem sympathischen Menschen macht. So ein Unsinn! Dass ich das jetzt überhaupt erklären muss, fühlt sich für mich unrealistisch an…

          Sagt dir Harry Cook etwas? Es ist ein bekannter Kampfexperte, ein Historiker und Träger des 7. Dans und nun sitzt es wegen mehrfacher sexueller Übergriffe für 10 Jahre im Knast. Was sagt der verlinkte Text nochmal zum 7. Dan? „Würdig, selbstbeherrscht,[…], opferbereit“.

          Vergesse den Mist, der dort verzapft wird. Ein Mensch kann auch ganz ohne Karate und ohne Dangrade spirituell, phantasievoll und liebevoll sein, genauso wie er trotz dieser Grade ein Monster sein kann. Solche Texte werden von Leuten geschrieben, die das, was sie machen (und damit sich selbst) an sich nicht verstehen, zu langweilig finden und es ausschmücken wollen. Das ist einfach nur ekelhaft.

  3. 😀
    Hallo Philipp, du hast natürlich vollkommen Recht, dieses „Geschwafel“ um die Innere Reife lese ich schon automatisch raus und sehe das absolut genau so wie du. Mir ging es nur um den Teil, dass die unteren Dan-Grade eher Schüler grade sind und man sich erst viel weiter oben technisch weit genug entwickelt hatte um als Meister zu gelten. Aber mir ist auch bewusst, dass das ebenfalls schon lange nicht mehr zutrifft, dazu ist der Sport inzwischen viel zu kommerziell aufgestellt.
    Du darfst den Link natürlich gerne wieder löschen, ist ja dein Blog 😉

    1. Achso, dann ist ja in Ordnung ^^
      Nee, ich lasse den Link drin. Die Leute sollen ruhig wissen, was für ein Unsinn da draußen verbreitet wird.

      Wenn aber ein Text zu 90 % aus so einem Geschwafel besteht, dann wäre ich auch echt skeptisch bei den restlichen 10 %.

      Ja, keine von diesen Phänomenen treffen wirklich noch zu und das ist auch OK so. Auch ist der Sport gar nicht „Schuld“ dran. Die Verantwortung tragen alle, vor allem aber diejenigen, die solche Titel und Dangrade unverdient tragen. Darunter fallen nicht nur Sportler, sondern auch viele „Meister“. In zwei meiner anderen Artikel gehe ich auf das Thema ein: „Die Geheimnisse Okinawas, Teil 1“ und „Die Menschlichkeit alter Meister (und unsere eigenen Verfehlungen)„.

  4. Hallo Philipp

    ein sehr interessanter Beitrag von Dir.

    Die Gedanken zu Gradierungen und Gürtelfarben, den Wert des “ schwarzen Gürtel “ und der Urkunden findet sich in einigen Foren.
    Eine Antwort , die mir gefallen hat, habe ich im Judo-Forum, von Moderator Tutort gefunden.

    Die Gürtelfarbe ist das äußere Erkennungszeichen einer Graduierung.

    Graduierungen haben auch immer nur eine Gültigkeit/Anerkennung innerhalb der Organisation, die diese Graduierung vergeben hat. Das können große Verbände oder kleine Dojos sein.
    Da die Graduierungen gesetzlich nicht geschützt sind, könnte ich Dir z B. rein theoretisch den 8. Dan verleihen. Nur würde den niemand außer mir und vielleicht einige Freunde anerkennen.

    Ich kann auch von mir behaupten, den 9. Dan Judo zu tragen – den ich ebenfalls nicht habe- jedoch kann das niemand juristisch verhindern, weil wie oben geschrieben Graduierungen keinem gesetzlichen Schutz unterliegen. Und so lange ich mich nicht auf eine Organisation wie z.B. den DJB berufe und eine Graduierung durch diesen behaupte, kann es keinen Kläger und damit keine Konsequenzen geben.

    Daher – für mich stellt sich nur die Frage: was ist mir dieser “ schwarze Gürtel “ wert und
    bei welchem “ Lehrer “ und welchem Verband möchte ich die Prüfung dazu ablegen.
    Will ich angeben, dann kann ich mir selber eine Urkunde ausdrucken und mich selbst befördern.

    Mit einem lieben Gruß

    1. Hallo Gerhard,

      mit dieser Definition bin ich absolut einverstanden. Jeder interpretiert selber etwas in den eigenen Gürtel hinein. Wichtig ist nur, dass man, falls man ein Betrüger ist, nicht selber irgendwann anfängt an seinen Betrug zu glauben. Menschen könnten einfach nur unsicher sein oder Angst vor dem nächsten Schritt haben, aber allen und vor allem sich selbst erzählen, dass sie dies aus irgendwelchen höheren moralischen und kulturellen Vorstellungen machen.

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