Kiba Dachi – Eine kritische Auseinandersetzung, Teil 2

Im ersten Teil dieses Artikels habe ich auf einen verbreiteten Fehler bei der Ausführung des Kiba Dachi hingewiesen und kurz erklärt, dass viele sich damit Schäden an den Knien zufügen könnten und wie man die Fußposition stattdessen ausführen sollte. In diesem Teil geht es weiter mit ein paar Vermutungen, wie der Irrtum entstanden sein könnte und warum die JKA (Japanese Karate Association) dabei eine große Rolle gespielt haben könnte.

Anmerkung: Dies soll als direkte Fortsetzung des ersten Teils verstanden werden, deshalb ist die Nummerierung der Abbildungen fortlaufend.


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Der Kontakt zum Boden



Im Karate spielt der Kontakt der Füße zum Boden eine sehr große Rolle. Je mehr Fußfläche den Boden berührt, desto mehr Halt soll man besitzen. Spannt man seine Fußmuskulatur an, so löst sich der Fuß stellenweise vom Boden, also sollte man diesen entspannt lassen und die Arbeit der Schwerkraft überlassen. Diese wird ohnehin von den tatsächlich fortgeschrittenen Karateka sinnvoll genutzt und ist auch ein bekanntes Prinzip im Tai-Chi.

Der Kontakt besteht, wenn man entspannt im Heiko Dachi steht. Wenn man aber die ganze Zeit unter Spannung steht, weil man die Füße innen, die Knie außen und die Hüften vorne und bestenfalls noch tief behalten möchte, dann kann man nicht vermeiden, dass der Kontakt zum Boden gestört wird. Bei so einem Kiba Dachi bohrt sich die Fußaußenkante in den Boden, während der große Zeh und die Innenkante der Ferse sich anheben:

Abb. 6: Mangelnder Kontakt der Fußfläche zum Boden

Abb. 6: Mangelnder Kontakt der Fußfläche zum Boden (ja, ich bin ein Hobbit ^^)

Die Komik der Situation zeigte Shinji Akita auf einem Lehrgang, indem er beim seitlichen Kiba Dachi die Füße immer näher aneinander setze, die Knie aber in der selben Position behielt. Am Ende sah das Ganze so aus:

Abb. 7: Heiko Dachi mit nach außen gedrückten Knien

Abb. 7: Heiko Dachi mit nach außen gedrückten Knien

Seiner Meinung nach ist das sehr unnatürlich (und ich stimme dem zu). Dann stellte er sich in den Heiko Dachi und setzte die Füße immer weiter nach außen, bis sie etwa auf doppelter Schulterbreite von einander entfernt und parallel zu einander waren, die Hüften dabei tief, die Knie zeigten locker nach vorne. Wenn man möchte, kommt man auf diese Weise tatsächlich tiefer, weil die entspannten Muskeln in den Hüften diese Bewegung nicht mehr hemmen. Drückt man die Hüften aber nach vorne und die Knie nach außen, überspannen diese Muskeln und vermeiden jegliche nötige Flexibilität.

Mögliche Ursachen für das Missverständnis



In der Optik vermute ich eine mögliche Ursache der ungünstigen Entwicklung des Standes: Viele lernen anhand von, oftmals ungenauen, Übersetzungen aus dem Japanischen, sowie Fotos und Videos. Ohne eines fachkundigen Lehrers, der es einem richtig erklärt, sind Fehler nahezu unvermeidbar.

Auf einem Lehrgang, den ich 2013 besuchte, meinte der Lehrer, dass diese Entwicklung durch eine Verwechslung zwischen Kiba Dachi und Shiko Dachi entstanden sein könnte, in der man die Füße, wie im Kiba Dachi nach vorne richtete, die Knie aber wie im Shiko Dachi nach außen drückte. Vielleicht hatte ein Lehrer etwas falsch verstanden und dies dann später an seine eigenen Schüler so weitergegeben. Und wie es in Japan vielerorts leider üblich ist, wurden seitens der Schüler natürlich keine Fragen gestellt…

Dr. Elmar T. Schmeisser, hochgradiger Karateka, Wissenschaftler, Buchautor und ehemaliger Schüler von Hidetaka Nishiyama sagt, dass Nishiyama viele Konzepte entwickelte und innerhalb der JKA durchsetzte, die für viele Menschen physiologisch falsch und gefährlich seien. In einem Interview mit Shaun Banfield erzählt Schmeisser in seinen Beispielen zu Nishiyamas Schule u.a. folgendes:

„ […] the emphasis on […] the outward lateral pressure on the knees in side stance which can damage the knee itself […]“

([…] die Betonung des nach außen gerichteten, lateralen Drucks auf die Knie im seitlichen Stand [Kiba Dachi, Anm. v. mir], welcher an sich das Knie beschädigen kann […]) [übers. v. mir]

Carsten Rusniok, ein Karateka und praktizierender Physiotherapeut, der mich bei der Informationsrecherche zu diesem Artikel unterstützte, nannte mit anderen Worten folgendes Beispiel: Man nehme an, es gibt 100 Spitzen-Karateka und fünf davon haben einen unterschiedlichen Knochenbau im Bereich der Hüften, der es ihnen erlaubt einen höheren Yoko Geri Keage zu machen als beim Rest. Zufällig besitzen sie den selben Hüftbau wie der Meister, der bestimmte Regeln festlegte und als erstrebenswert deklarierte. Diese fünf Karateka werden später zu der ganz großen Spitze gehören, während die restlichen 95 Karateka entweder aufgeben und sich mit einer niedrigen „Einstufung“ zufrieden geben, oder im Gegenteil so fanatisch gegen ihnen Knochenbau arbeiten, dass sie aus gesundheitlichen Gründen gezwungen sein werden Karate (und weitere sportliche Aktivitäten) vollständig aufzugeben. Hätte man diesen Karateka jedoch erklärt, dass sie ihre Technik nur etwas anders ausführen müssten, würden sie möglicherweise schon nach kurzer Zeit und ohne gesundheitliche Einbuße die gleichen Erfolge erzielen, wie die fünf Leute an der Spitze.

So eine Herangehensweise benötigt jedoch eine sehr individualisierte Art des Trainings bei der man die Vor- und Nachteile des Körperbaus eines jeden Schülers analysiert.

Dies ist bei großen Gruppen und einer Minderheit an dafür wirklich qualifizierten Lehrern sehr schwierig, oder gar unmöglich. Das erklärt möglicherweise, warum diese Art des personalisierten Trainings in deutschen Vereinen mit etwa 30 Schülern und einem Lehrer, der oft nur hobbymäßig unterrichtet, kaum praktiziert wird.

Etwas Geschichte (aus den „goldenen Jahren“ der JKA)



Das Praktizieren des seitlichen Kiba Dachi ist nicht nur unter den deutschen Karateka sehr beliebt. Wie schon in Nishiyamas Fall, gibt es auch japanische Instruktoren, die diese Methode predig(t)en.

Masatoshi Nakayama gibt uns in seinem Buch Dynamic Karate folgende Anweisungen:

„[Allgemeine Fehler: Punkt 4] Die Knie zeigen einwärts. Richte die Knie nach vorn und nach außen, so dass ein Lot von der Kniemitte zur Innenkante des großen Zehs gefällt werden kann.“ (Nakayama 2011: 35)

und

„[Allgemeine Fehler: Punkt 7] Du erlaubst den Knien sich zu entspannen. Beuge die Knie und drücke sie kraftvoll gespannt nach außen, zur Seite hin. Senke gleichzeitig das Gesäß.“ (ebd.)

Auf dem entsprechenden Foto zeigt er seine Variante, wobei ein stark ausgeprägtes Hohlkreuz sofort ins Auge fällt. Das Bild lässt sich bei Google finden (Suchbegriffe: „Nakayama kiba dachi“).*

In Tsutomu Ohshimas Übersetzung von Funakoshis Karate-Dō Kyōhan gibt es hingegen einige Hinweise auf eine vordere Ausführung. Wer nach dem Ablauf der Kata Jion schaut, wird es sehen. Im Internet gibt es hier und da (teilweise) vollständige Versionen des Buches, wo man diese Stelle finden könnte. Und vielleicht hast du das Buch sogar in deinem Regal stehen.

Und wenn du auf Google nach „Kanazawa kiba dachi“ suchst, wirst du eine frontale und eine seitliche Ansicht von seiner Version finden. Sowohl Ohshimas Kiba Dachi als auch Kanazawas weitaus tiefere Fußstellung unterscheiden sich von Nakayamas Beschreibung, da ihre Knie sich nicht im Lot mit dem großen Zeh befinden. Ich wünschte wirklich, ich könnte die Bilder hier posten, aber das darf ich nicht. Es geht auch nicht darum es wirklich zu sehen, sondern zu verstehen, dass es auch japanische Lehrer gab, die es mal so und mal so gemacht haben.
Dazu sollte erwähnt werden, dass auch bei Kanazawa ein ausgeprägtes Hohlkreuz zu sehen ist. Es soll aber kein Paradebeispiel sein, sondern lediglich die unterschiedlichen Kniepositionen betonen.

 


So, Ende im Gelände, zumindest für den zweiten Teil dieses Artikels. Ich hoffe, dass er dir einige neue Einblicke verschaffen und Fragen, die nach dem ersten Teil auftauchten, beantworten konnte. Zugegeben, dieser Artikel war etwas kurz, dafür wird der nächste sich noch etwas mehr mit der Geschichte befassen, insbesondere der Kata Naihanchi. Außerdem werden zwei Fragen behandelt, die sich scheinbar nur wenige stellen…

Literaturquellen: Siehe hier.


*Leider darf ich das Bild weder hier verwenden, noch darauf verlinken, da ich die entsprechenden Rechte dafür nicht besitze. Auf meine Anfragen reagierte der Rechteinhaber (Kodansha-Verlag) leider nicht.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Ein lateraler Druck auf die Knie reduziert den nötigen Kontakt der Füße zum Boden.
  • Der größte Einfluss scheint aus der Zeit zu kommen, als die JKA ihre Sportvariante des Karate verbreitete und ihre wichtigsten Vertreter pseudowissenschaftlich Dinge erklärten, die wissenschaftlich nicht haltbar sind.
  • Weitere Missverständnisse entstanden möglicherweise durch das Nachmachen, ohne zu hinterfragen, durch Übersetzungsfehler und wegen eines normierten Trainings, bei dem alle, ohne Rücksicht auf die individuellen Körpereigenschaften, in eine Form gepresst wurden.

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