Kiba Dachi – Eine kritische Auseinandersetzung, Teil 4

Wer die ersten drei Teile dieses Artikels verpasst hat, sollte sie nachlesen, da dieser Teil sonst schwer verständlich werden könnte. Er bildet den Abschluss dieser Serie und auch den Schwerpunkt. Was wäre Karate (oder jede andere Kampfkunst) wert, wenn man sich nicht mit Anatomie beschäftigen würde? Schließlich basiert jede Kampfkunst auf dem Bau des menschlichen Körpers. Doch man sollte sich nicht nur mit den Anatomie beschäftigen, um zu wissen wie man am effektivsten Schaden zufügen kann, sondern auch um zu verstehen warum die ein oder andere Technik auf eine bestimmte Weise funktioniert und wie man Verletzungen vermeiden könnte. Um den letzten Punkt soll es hier gehen und dafür werden einige anatomische Fakten und Hypothesen geboten. Sei gewarnt: Es wird lang und deep.


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Anatomie des Kniegelenkes



Zuerst möchte ich das Kniegelenk vorstellen, zumindest die Strukturen, die für diesen Artikel besonders wichtig sind: Die Kreuzbänder und die Menisken.
Zur besseren Schau nutze  ich zwei Bilder von Wikipedia, mit deren Hilfe ich selbst das Ganze besser verstehen konnte:

Abb. 15: Linkes Kniegelenk mit Bandapparat und Menisken (Ansicht von hinten, schematisch)

Abb. 15: Linkes Kniegelenk mit Bandapparat und Menisken (Ansicht von hinten, schematisch)

Abb. 16: Rechtes Schienbein mit den Menisken (Ansicht von oben, schematisch)

Abb. 16: Rechtes Schienbein mit den Menisken (Ansicht von oben, schematisch)

Bedenke bitte, dass es sich hierbei um zwei Abbildungen von einem rechten und einem linken Kniegelenk handelt und verwechsele die Beiden nicht! Probiere am besten sämtliche Übungen gleich aus und ertaste einige der Strukturen. Nur so wurde mir beispielsweise klar, was in den Texten gemeint war.

Betrachte nun Abb. 15, eine Darstellung des linken Kniegelenkes, und achte besonders auf die Lage der Kreuzbänder. Die Kreuzbänder verbinden das Schienbein mit dem Oberschenkelknochen, sie sind überkreuzt, daher der Name, und stabilisieren das Kniegelenk, indem sie durch ihre Lage ein Hinausschieben des Schienbeinknochens nach vorne, nach hinten und zur Seite, sowie Rotationen im Knie verhindern. Ist ein Kreuzband verletzt oder gar gerissen, entsteht ein sogenanntes Schubladenphänomen, bei dem das Schienbein nicht mehr stabilisiert ist und sich nach vorne, oder hinten hinausschieben lässt.

Beuge nun dein linkes Knie in einem 90° Winkel und versuche es vorsichtig nach innen und nach außen zu rotieren. Du wirst merken, dass die Rotation des Kniegelenkes in diesem Winkel recht gut möglich ist, jedoch nicht mehr, wenn du das Bein auch nur leicht ausstreckst und im komplett gestreckten Zustand überhaupt nicht mehr. Im 90°-Winkel kann man die Funktion der Kreuzbänder für unseren Zweck am besten verdeutlichen. Dir fällt bestimmt auf, dass die Außenrotation besser gelingt, als die Innenrotation, die nur einen Winkel von höchstens 20° zulässt. Der Grund dafür ist (und dafür empfehle ich dir sich nochmal die Abb. 15 anzuschauen), dass die Kreuzbänder bei einer Innenrotation sich umeinander wickeln, das vordere Kreuzband sich dabei spannt und keinen weiteren Raum für eine Rotation zulässt. Bei einer Außenrotation drehen sie sich jedoch auseinander, deshalb ist die Bewegung möglich. Wenn du das Bein maximal ausstreckst, dann merkst du, dass das Knie sich leicht nach außen dreht. Das liegt daran, dass die Bänder sich bei der Streckung auseinander wickeln und das Knie so nach außen bewegen.

Dieses einfache Experiment, bei dem wir unsere Knie vorsichtig, langsam und aus eigener Kraft rotieren, zeigt grob wie diese Struktur funktioniert, aber auch wie zerbrechlich sie ist.

Was passiert nun, wenn wir uns in einen Kiba Dachi mit nach außen gedrückten Knien stellen? Der Oberschenkel dreht sich, entgegen des Unterschenkels, nach außen, weswegen eine Innenrotation im Kniegelenk entsteht. Aus unserem Versuch wissen wir, dass die Innenrotation, wenn überhaupt, dann maximal in einem Winkel von 90° möglich ist, den wir im Kiba Dachi weder als Anfänger noch als Fortgeschrittene (abgesehen von den seltenen Fällen von außergewöhnlicher Beweglichkeit) erreichen.

Wir verdrehen, mit anderen Worten, unser Knie und das macht sich dadurch bemerkbar, dass es sehr unangenehm ist und sich falsch anfühlt.

Zusätzlich dazu wird diese Kreuzband-schädigende Bewegung dadurch verstärkt, dass wir uns mit dem gesamten Körpergewicht in diese Bewegung „hinein hängen“. Dies machen wir dann oft schnell und für einen längeren Zeitraum, z.B. wenn wir die seitlichen Tritte und die Tekki üben. Dies hat den gleichen Effekt, als würde eine zweite Person unser Bein etwa eine halbe Stunde, wenn nicht länger, zwanghaft und schnell verdrehen. Im Training machen wir es nicht mehr locker und langsam, auf dem Stuhl sitzend, wie in unserem Versuch, sondern schnell und mit zusätzlichem Druck durch das Körpergewicht, wodurch wir unsere Kreuzbänder aktiv dehnen. Und selbst wenn dies nicht sofort zu einer Verletzung führt, kann es, über einen längeren Zeitraum wiederholt, die Bänder durch die lang anhaltende Dehnung lockern und stört damit die Stabilität des Kniegelenkes. Auch ohne offensichtliche und sofortige Verletzungen können die o.g. Schubladenphänomene entstehen, die wiederum zum schnelleren Verschleiß führen könnten.

Im Gegensatz zu den Muskeln, sind Bänder rein stabilisierende Körperstrukturen. Sie dürfen nicht über ihr natürliches und sehr geringes Maß gedehnt werden. Wenn man sie durch einen Unfall, oder eine unvorsichtige Bewegung überdehnt, führt das in vielen Fällen zu starken Schmerzen. Es kann aber auch sein, dass in manchen Fällen kaum Schmerzen entstehen, u.a. weil Bänder nur schwach durchblutet und „gefühlt“ werden, doch gerade in solchen Fällen kann es zu gefährlichem Verschleiß kommen, da man keine Indiz für eine Verletzung hat und sich nicht bewusst auskuriert. Entlastet und stabilisiert man das Gelenk nach den ersten Symptomen nicht, so kann dies zu einem Bänderriss führen und solche Sachen heilen nie komplett aus. Es entstehen sogenannte „Schlottergelenke“ und, durch den Verschleiß, frühzeitige Arthrosen. Überdehnungen entstehen oft durch plötzliches Umknicken, z.B. beim Fußballspielen, oder Skifahren, jedoch nicht beim Grundschultraining im Karate. Was dort geschieht, ist weniger offensichtlich und damit viel hinterhältiger: Die Bänder werden langsam gedehnt und gelockert, was sich erst nach mehreren Jahren bemerkbar macht, sich dann aber nicht mehr auskurieren lässt.

Das Fehlen vom Schmerz bedeutet also nicht, dass die eigene Technik in allen Punkten korrekt ist.

Es ist äußerst schwierig die korrekte Technik für sich zu finden und zu erlernen. Aber niemand hat behauptet, dass Karate einfach ist.

Nach dieser Einführung über die Kreuzbänder kommen wir nun zu einer Struktur, die bei dem seitlichen Kiba Dachi, inkorrekten Ständen allgemein und bei falschen Aufwärmübungen noch mehr beschädigt werden können: Die Menisken.

Die Menisken sieht man auf der Abb. 16 am deutlichsten (Medial-/Innen-Meniskus, Lateral-/Außen-Meniskus). Das sind halbmondförmige Faserknorpelscheiben, die die Ungleichheit zwischen den nicht aufeinander passenden Oberschenkel- und Schienbeinknochen ausgleichen und ihre Kontaktfläche vergrößern. Sie sind an ihren Enden, also insgesamt an vier Stellen, mit dem Schienbeinknochen und durch variabel angelegte Bänder am Oberschenkelknochen verbunden, tragen die hauptsächliche Last und folgen Drehbewegungen. Der Innenmeniskus ist wegen seiner Verbindung zum Innenband (siehe Abb. 15) weniger Beweglich, als der Außenmeniskus.

Beuge nun das rechte Bein und versuche bei der Bewegung den Oberschenkelknochen zu ertasten. Du wirst merken, dass dieser sich nach hinten bewegt. Gleichzeitig schiebt dieser die Menisken mit nach hinten. Beim Strecken des Beines „rollt“ der Oberschenkelknochen, zusammen mit den Menisken, wieder nach vorne.

Stelle dich nun hin, ertaste den äußeren Teil des Schienbeinknochens und drehe dich langsam nach außen, lasse deine Füße dabei aber fest auf dem Boden haften, sodass eine Auswärtsdrehung im Unterschenkel entsteht. Du kannst nun fühlen wie das Schienbein sich außen leicht nach vorne schiebt, während der innere Teil sich nach hinten bewegt. Die selben Bewegungen machen die jeweiligen Menisken mit. Du merkst auch, dass das Knie sich dabei mit nach außen dreht, etwa so, wie du es vom seitlichen Kiba Dachi kennst. Hier kommen wir der Sache schon näher. Übrigens wird das Knie, wenn du die Füße bei diesem Versuch mit drehst, nicht belastet, weil keine Innenrotation entsteht. Das erklärt, warum ein Shiko Dachi nicht zu den in diesem Teil genannten Problemen führt.

Stelle dir nun bildlich vor, wie du die Position des seitlichen Kiba Dachi einnimmst und dafür erst in die Knie gehen musst. Der Innenmeniskus wird dabei nach hinten geschoben. Fügst du dem Ganzen eine Rotation hinzu, läufst du Gefahr, dass die mediale Femurkondyle, also der innere Fortsatz des Oberschenkelknochens, sich nach vorne schiebt, über das Vorderhorn des Innenmeniskus reibt, diesen überrollt und quetscht. Mit anderen Worten: Du verdrehst dir das Knie. Das kommt u.a. im Fußball vor, doch Verletzungen am Innenmeniskus sind nicht nur bei Fußballspielern, sondern auch bei Karateka eine häufige Beschwerde.

Wenn du dir das Ganze bildlich nicht vorstellen kannst, dann mache es langsam und vorsichtig vor und konzentriere dich auf das Gefühl im Knie.

Das könnte das letzte Mal sein, dass du diese Position freiwillig einnimmst.

Du kannst dir denken, wie sehr die Menisken, insbesondere der ohnehin weniger bewegliche Innenmeniskus, durch schnelle Beugebewegungen, gepaart mit Rotationen, an bestimmten Stellen belastet werden. Auf längere Sicht kann das einfach nicht gut sein.

Anatomische Unterschiede bei Menschen



Anfangs hatte ich erwähnt, dass für die Entwicklung des seitlichen Kiba Dachi u.a. ein unterschiedlicher, jedoch zu der Zeit unerforschter, Knochenbau verantwortlich sein könnte. Beispiel: Der Oberschenkelhals (Collum femoris) eines der Erfinder einer bestimmten Technik besaß einen anderen Winkel (Kollodiaphysenwinkel), als der Oberschenkelhals aller seiner Schüler, doch gerade dieser Unterschied ermöglichte ihm eine Reibungslose Ausführung dieser speziellen Technik. Seine Schüler stießen währenddessen auf ihre anatomischen Grenzen und man nahm womöglich an, dass sie es alle falsch machten, nicht genug gedehnt seien, oder nicht genug Kraft in ihrer Bein- und Hüftmuskulatur besäßen.

Um zu verdeutlichen, was ich mit den anatomischen Unterschieden meine, möchte ich einige Beispiele von Oberschenkel- und Hüftknochen moderner Menschen vorführen, die eine unterschiedliche Anatomie besitzen*:

Abb. 17: Zwei unterschiedliche Oberschenkelknochen, Beispiel 1

Abb. 17: Zwei unterschiedliche Oberschenkelknochen, Beispiel 1

Hier könnte man vermuten, dass der Besitzer des rechten Oberschenkelknochens mehr Chancen auf einen seitlichen Spagat hätte, da er erst später (oder gar nicht) auf Hemmung seitens des Knochens treffen würde und somit die komplette Gelenkamplitude ausnutzen könnte.

Abb. 18: Zwei unterschiedliche Oberschenkelknochen, Beispiel 2.

Abb. 18: Zwei unterschiedliche Oberschenkelknochen, Beispiel 2

Hier ist der linke Oberschenkelhals viel länger, als der Rechte, was ebenfalls zu einer geringeren Hemmung führen könnte.

Abb. 19: Zwei unterschiedliche Oberschenkelknochen, Beispiel 3.

Abb. 19: Zwei unterschiedliche Oberschenkelknochen, Beispiel 3

Hier gibt es einen Winkelunterschied beim Oberschenkelhals von 45° nach vorne!
Das Beispiel rechts zeigt eine Coxa Antetorta und führt zu den charakteristischen „X-Beinen“. Man kann sich denken, was für einen Einfluss diese Ausprägung, oder ihr Gegenteil, die Coxa Retrotorta („O-Beine“), auf die Ausführung des Kiba Dachi haben könnte. Übrigens hatte Gichin Funakoshis Sohn Yoshitaka O-Beine (Wittwer 2007: 71)! Menschen mit der Coxa Retrotorta hätten z.B. wahrscheinlich keine Probleme mit dem seitlichen Kiba Dachi.

Abb. 20: Zwei unterschiedliche Hüftpfannen.

Abb. 20: Zwei unterschiedliche Hüftpfannen

Achte hier insbesondere auf die Hüftpfanne (die Stelle, wo der Oberschenkelhals ansetzt). Rechts ist sie deutlich offener und dürfte mehr Raum für den Oberschenkelhals bieten, was eine bessere Bedingung für einen seitlichen Spagat und höhere Tritte sein dürfte.

Es sollte angemerkt werden, dass es sich hierbei um Knochenstrukturen von Erwachsenen handelt. Bei Kindern unter 12 Jahren sind die Winkel anders und entwickeln sich mit der Zeit. Somit sind ihre Voraussetzungen zur Ausführung einer Technik schon mal anders, als die des Lehrers. Immer.

Lernen durch Schmerz?



Als besonders motivierter Karateka, der anfangs immer mehr und schneller schaffen und tiefer stehen wollte als die anderen, bevor ich die leiseste Ahnung von der Anatomie des Kniegelenkes hatte, habe ich meine Menisken mehr belastet, als viele meiner Mitschüler in der damaligen Gruppe. Mir wurde einfach nicht beigebracht, dass ich den Kiba Dachi anders machen könnte/dürfte/sollte. Die einzigen Anweisungen, die ich hörte, waren „Knie nach außen“ und „tiefer stehen“, sowohl von meinen Lehrern und Senpai, als auch auf Lehrgängen, die von hoch graduierten Instruktoren großer Verbände geleitet wurden. Damals befolgte ich die Anweisungen blind und mit Leidenschaft.

Ich hatte Glück im Unglück, denn durch mein sehr häufiges und intensives Training, begannen die Probleme bei mir schneller aufzutreten, während sie bei den anderen womöglich viel später in Erscheinung getreten wären. Deshalb lernte ich noch früh genug daraus. Erst als ich nach dem Training des öfteren einen unangenehmen Schmerz dort verspürte, wo sich der Innenmeniskus befindet und etwas später zuerst auf Stephan Yamamotos und dann auf Shinji Akitas Lehrgängen auf diesen weit verbreiteten Verständnisfehler im Kiba Dachi aufmerksam gemacht wurde, begriff ich, dass die Technik für die Schmerzen verantwortlich war. Ich begann meine Technik zu verändern, was zur Folge hatte, dass ich nun einen stabileren Stand einnehmen kann, auf natürliche Weise tiefer stehe (wenn nötig) und keine Schmerzen mehr in den Knien verspüre, weder während des Trainings, noch danach.

Carsten Rusniok stattete mich mit dieser wertvollen Information zur Anatomie aus und teilte mir mit, dass die häufigsten Knieverletzungen (auch bei Karateka), die mindestens eine mehrmonatige Pause nach sich ziehen, in Verbindung mit den Menisken stehen. Ohne ihn wäre dieser Teil des Artikels nicht entstanden. Dafür möchte ich ihm danken!

Verschleiß ist eine gemeine Sache. Wer sein Karate effektiv bis ins hohe Alter betreiben möchte und auch im Alltag gesunde Knochen und Gelenke besitzen möchte, sollte endlich von alten Dogmen los lassen und lernen zu hinterfragen, auch wenn man in manchen Schulen vermeintlich nicht das hinterfragen sollte, was der Lehrer sagt.

Die Folgen, die ich hier beschreibe, dürften für viele nach einem Weltuntergangszenario klingen, doch es ist die bittere Realität, die viele Karateka entweder nicht kennen, oder unbewusst ausblenden, häufig weil sie in ihrer Technik, die sie seit Jahren ausüben, so festgefahren sind, dass sie Angst haben umzulernen, bzw. dabei zu versagen und vergessen, dass ein Karateka immer (um)lernen und sich weiter entwickeln sollte.

Nochmal: Karate besteht aus einem unaufhörlichem Lernen und Umlernen! Es ist also nicht schlimm, wenn man Fehler gemacht hat, solange man diese akzeptiert und korrigiert.

Ich schlage vor, dass man solche Dinge so früh wie möglich jedem Anfänger beibringt, damit dieser auch in der Zukunft seinen eigenen Schülern erklärt, wie zerbrechlich einige Strukturen in unserem Körper sind und dass man nicht damit spielen sollte.

Fazit



Es gibt zwei Hauptvarianten, wie man im modernen Kiba Dachi stehen könnte: Eine natürliche, flexible und entspannte Variante und eine instabile, verspannte, energieaufwendige und schmerzhafte Variante, die sich teilweise auf mündlich überlieferten Missverständnissen, wie z.B. der Fehlannahme, dieser Stand sei „stabil“, stützt.

Die zweite Variante darf allerdings nicht voreilig verteufelt werden, denn sie könnte für einige wenige die Bessere sein. Doch deshalb muss nicht jeder sie genau so machen. Unsere Körper können vom Knochenbau her sehr unterschiedlich sein und die Technik muss deshalb bereits im frühen Stadium der Ausbildung an den Körper des Übenden angepasst werden. Das macht den Unterricht für den Lehrer und die Prüfungen für den Prüfer viel komplexer. Doch dieses Vorgehen könnte enorm zu der Gesundheit der Übenden, bzw. zu der Vorbeugung häufiger Krankheiten, wie Arthrosen, beitragen.

Zum Glück wird das immer mehr Lehrern klar. Das merke ich, wenn ich auf Lehrgänge fahre. Yamamoto, Akita, Schlatt, diese drei (und wahrscheinlich noch viele andere, deren Unterricht ich bisher noch nicht besuchen konnte) betonen die Variante des vorderen Kiba Dachi, sagen aber auch nicht, dass das Pflicht ist. Zumindest ist das ein frischer Wind in der bisher rigiden deutschen Karatewelt.

In einem Facebook-Kommentar zum zweiten Teil dieses Artikels wurde bereits richtig bemerkt: Diese Denkweise lässt sich über den Kiba Dachi und sogar über Karate ausweiten. Egal welcher Stand, egal welche Technik, egal welche Kampfkunst – eine gesunde kritische Herangehensweise ist wichtig. Nicht einfach nachmachen, um zu gefallen, sondern den Sinn erfragen und es notfalls anders machen, auch wenn man damit gegen den Strom geht. Nur so erschafft man eine neue Bewegung, einen neuen Strom.

Ich hoffe, dass meine Argumente gut gewählt und verständlich waren und dieser Artikel informativ und wohlwollend herüber kam. Ich möchte damit niemanden diskreditieren, oder angreifen und keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse zeigen, sondern einen kleinen Beitrag zur Beseitigung von Missverständnissen im Training leisten und hoffe, dass ich einige Karateka dazu bringen konnte ihre Technik zu überdenken.

Mein besonderer Dank gilt Carsten Rusniok für den Beitrag zur Anatomie und die Korrektur, sowie Stephan Yamamoto für die nötigen Anreize und die Korrekturlesung des Artikels. Ohne sie wäre ich gar nicht dazu gekommen ihn zu schreiben.

 



*die Fotos der Knochen wurden mit freundlicher Erlaubnis von Paul Grilley benutzt.

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4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Ich habe diesen Artikel und andere mit grosser Sorgfalt gelesen und bereits vorher instinktiv mehr auf meinen Körper gehört und gewisse Dinge einfach nicht mehr gemacht, die verlangt wurden. Trotzdem hat dies Jahre gebraucht, um ein Umdenken zu errreichen. Und ich lerne immer noch weiter mit 69. Mittlerweile habe ich keine Arthrose in den Kniegelenken oder Hüftprobleme, sondern Arthrose in der rechten Hand, bzw. Handgelenk. ich habe also mit den Ständen einiges richtig gemacht, aber mit der rechten Hand nicht so sehr, wobei ich dies nicht auf 1000 falsche Zukis zurückführen möchte. Ich sehe hier noch keinen Zusammenhang, da ich auf jegliches Makiwaratraining verzichtet habe.

    1. Hallo Wolfgang! Vielen Dank für deinen Kommentar und dafür, dass du dir den Artigel sorgfältig durchgelesen hast. Da weiß man, dass die Arbeit sich gelohnt hat.
      Ich schreibe zur Zeit an einem Artikel über die Impulsweitergabe beim geraden Fauststoß. Vielleicht wäre da etwas für dich dabei. Wobei die Arthrose auch eine alters- und/oder ernährungsbedingte Erscheinung sein könnte. Ich könnte mir außerdem vorstellen, dass ein nicht zu häufiges und nicht zu intensives Makiwara-, bzw. Sandsacktraining den Handgelenken ganz gut tun könnte, denn die Aktivität, v.a. das leichte Zusammendrücken der Gelenke durch Bewegung die Nährstoffversorgung der Knorpel fördern könnte. Da heißt es nicht zu viel und nicht zu wenig Bewegung. Bin aber auch kein Arzt, also sind das alles nur Vermutungen.

  2. Hallo Philipp, kannst du bitte auch mal den Zenkutsu Dachi beleuchten. Ich war immer schon eher recht unbeweglich. Den Zenkutsu Dachi soll ich möglichst tief machen, da ich aber, dank Bürojob und vielem Rad fahren, recht verkürzte Hüftbeuger habe, muss ich stark ins Hohlkreuz gehen um den Oberkörper einigermaßen aufrecht zu bekommen. Außerdem sagt mein Sensei ich solle mit meinem vorderen Knie weiter nach vorne (Kniescheibe auf Höhe der Zehen oder weiter). In anderen Sportarten soll das konsequent vermieden (z. B. Kniebeugen, oder auch beim Fahrradfahren sollte die Sitzposition so eingestellt sein, dass das Knie nicht vor den Pedal ist, welches gerade vorne ist).

    1. Hallo Matthias,
      vorerst danke dafür, dass du den Artikel gelesen und Interesse an dem Thema hast.
      Zunächst kannst und solltest du der „Verkürzung“ (Übertonisierung) durch ein entsprechendes Training entgegen wirken (sanftes Dehnen wie bei Yoga, Massagen, Training der Antagonisten). Generell sollte die Beweglichkeit überall erhalten bleiben – das wird sich nur positiv auswirken, auch auf deine anderen Sportarten.
      Nun zur Technik des Zenkutsu Dachi: Bei manchen Ständen ist es nicht verkehrt das Becken zu kippen, wie z.B. beim Kiba Dachi, allerdings müsste dann auch der Oberkörper nach vorne kippen, um die muskuläre Verbindung und Rumpfstabilität beizubehalten. Es ist nicht möglich bei gekippten Becken einen geraden Oberkörper zu erhalten, ohne dabei ins Hohlkreuz zu gehen. Mehr zu dem Thema (auch zum Zenkutsu Dachi) in diesem Artikel: https://wp.me/s7MRyO-koshi
      Nun aber nochmal kurz zusammengefasst: Mache deinen Zenkutsu Dachi nicht zu lang, stehe höher. Versuche die Stabilität im Rumpf durch ein gerade positioniertes Becken zu erhalten. Ist das Becken dennoch gekippt, dann musst du das Hohlkreuz durch ein nach vorne Lehnen des Rumpfes beseitigen. Und glaub mir, dein Trainer wird meckern, aber er scheint wirklich nicht viel davon zu verstehen. Da kannst und darfst du auch etwas anderes machen. Notfalls erklärst du es ihm in aller Ruhe, abseits des Unterrichts. Aber bestehe darauf.
      Auch darf das Knie nicht über den Zehen sein, oder gar darüber hinaus ragen. Das Knie sollte auf Höhe des Sprunggelenks sein. Das ist auch im Tai Chi so und hat viele gesundheitliche und mechanische Gründe, die ich hier nicht alle aufführen kann. Gehe einfach nicht zu tief mit dem Knie.

      Viel Erfolg!

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