Über den Rhythmus einer Kata

Kata ist ein scheinbar komplexes Thema und einen detaillierten Artikel darüber zu schreiben, mit all den Facetten, Möglichkeiten und Irrglauben, würde wirklich lange dauern. Wirklich. Sehr. Lange.

Nicht umsonst gibt es so viele Bücher zu dem Thema. Deshalb werde ich nur stückchenweise etwas zu dem scheinbar komplexen Thema schreiben und nach und nach, vermischt mit den Ideen anderer, wird sich bei dir eventuell ein Bild formen, bzw. das bestehende Bild ergänzen. Oder auch nicht, das liegt natürlich in deinem Ermessen. 😉

Vor kurzem hatte ich eine kurze Diskussion mit einer jungen Frau, die frisch mit Karate begonnen hatte. Sie trainierte in dem Dojo, in dem ich vor Jahren angefangen hatte (an der Uni) und obwohl ich da nicht mehr mitmache, nutze ich dennoch die Räumlichkeiten, weshalb ich immer wieder die dort trainierenden Leute sehe und mit ihnen in Gespräche verwickelt werde.

Diese Frau war Trägerin des 7. Kyu und sie wollte etwas zum Rhythmus der Kata Heian Nidan wissen. Ich erklärte ihr, dass sie so etwas wie einen vorgeschriebenen Rhythmus nur für die Prüfung bräuchte, da der Prüfer sich einer Verbands- und Prüfungsordnung unterwirft, doch ansonsten wäre so etwas wie ein Rhythmus vollkommen unsinnig und unnötig, solange man nicht weiß wofür er gut sein soll. Dies traf erstmal auf Widerspruch, da sie von Anfang an etwas ganz anderes beigebracht bekam und da kam mir die Idee etwas dazu zu schreiben, weil sie ganz bestimmt nicht alleine mit solchen Ideen erzogen wurde.

Zunächst zum Rhythmus. Ich las schon alle möglichen Meinungen zu diesem Thema. Die einen sagen, dass man Kata schnell „durchlaufen“ sollte, die anderen behaupten, dass Pausen und die damit kontrastierenden schnellen Abläufe ein wichtiger Bestandteil der Kata sind. Die einen legen Wert auf Ästhetik, die anderen mehr auf die Funktion, doch auch diese konnten oftmals keine wirkliche Funktion erklären. Diejenigen, von den ich bisher die besten Erklärungen zu Kata erhielt, sagten nie etwas zum Rhythmus, also gehe ich davon aus, dass er für die Funktion irrelevant ist.

Damit habe ich das Wesentliche auch schon gesagt. Wenn man weiß, was man macht, dann sucht man sich ein eigenes Tempo aus und da jeder die Techniken, mehr oder weniger realistisch, für sich selber interpretiert, anpasst und mit einem Partner übt, so unterscheidet sich auch das Tempo, bzw. der Rhythmus individuell von Mensch zu Mensch. Wenn der Vorstand eines Verbandes einen Rhythmus vorschreibt, dann schränkt er die Übenden nur stark ein.

Nehmen wir als Beispiel die Kata Heian Sandan: Mir wurde am Anfang beigebracht, dass die Sequenz nach dem ersten Nukite bis zum ersten Pflicht-Kiai (noch so eine unnötige Ergänzung) schnell auszuführen ist, wonach eine Pause folgt und erst dann dreht man sich langsam in die nächste Position mit den Fäusten an den Hüften. Noch nie hatte ich in Zusammenhang mit diesen Vorschriften eine sinnvolle Erklärung gehört. Wenn man aber nun selber nachdenkt, dann könnte der Tsuki vor dem Kiai als Durchdringen unter den gegnerischen Arm interpretiert werden, worauf man dann einen Hüftwurf ansetzt. Oft genug geübt, ist diese Technik ganz nützlich, jedoch wird sie keineswegs langsam ausgeführt – im Gegenteil: Verzögerung führt zum Versagen, da man den Impuls nutzen muss. Der Wurf muss schnell ausgeführt werden und insofern macht für mich eine derart dramatische Pause nach dem Kiai und eine langsame Drehung überhaupt keinen Sinn. Muss ich nun trotzdem den Rhythmus erhalten? Nein. Ich mache das einfach nicht und ich erzähle niemandem wie schnell, oder langsam sie die Kata zu laufen haben.

In großen Gruppen kann das zu Chaos führen, wenn die Leute beim Ablauf einander stören, weil jeder einen eigenen Rhythmus hat und darin sieht man eine weitere Funktion dessen: Anpassung an die Gruppe, bzw. den Raum. Trainiert man aber alleine, oder hat man genug Platz im Dojo, so entfällt auch diese Notwendigkeit.

Synchron angepasste Team-Kata bei einer Vorführung. Ein Höhepunkt der Oberflächlichkeit.

Laut Elmar Schmeisser, sind langsame Techniken und Abfolgen in einer Kata ein Hinweis darauf, dass es sich um etwas kompliziertes handelt und der Schüler da ganz besonders aufpassen sollte. Dieser Gedanke deckt sich mit der Idee, dass Kata ein Werkzeug zur Weitergabe von Information ist. Wenn die Information aber bereits extrahiert ist, dann muss man sich nicht mehr an das vorgeschriebene Tempo halten.

Der Rhythmus ist also nicht nur für die „Ästhetik“ im Wettkampf und für Hinweise auf wichtige Stellen wichtig, sondern auch für die Anwendung, aber natürlich nur dann, wenn man eine genaue Vorstellung davon hat, wie die ausgeführten Techniken real angewendet aussehen und sich anfühlen. Wenn ich also in der Solo-Kata (die, wenn entschlüsselt, nur noch eine Übung darstellt und mehr nicht) alles sehr langsam mache, in Wirklichkeit mein Gegner aber schneller reagieren würde, dann erfülle ich den Zweck dieser Übung nicht und muss meinen Rhythmus anpassen. Man darf nicht vergessen, dass der Gegner nicht stehen bleibt. Greift man ihm in den Genitalbereich, so ist die Wahrscheinlich groß, dass er reflexartig versucht mein Handgelenk zu greifen und die Hand weg zu ziehen. Laut Patrick McCarthy und seiner HAPV-Theorie (Habitual Acts of Physical Violence) müssen diese reflexartigen Reaktionen mit einbezogen werden und sind tatsächlich in den Kata zu finden. Wenn mein Rhythmus also nicht mit dem natürlichen Timing einer solchen Situation übereinstimmt, dann muss ich eine andere, mindestens genauso sinnvolle, Erklärung finden, oder meinen Fehler einsehen und das Tempo anpassen.

Nochmal im Klartext: Der Rhythmus einer Kata, ohne der dazugehörigen plausiblen Erklärung für das Tempo, ist irrelevant!

Selbstverständlich gehe ich hier, wie in allen meinen Artikeln, vom Selbstverteidigungsaspekt aus. Wer die Kata, weder für Fitnesszwecke, noch für den Wettkampf, noch für SV macht, sondern sie als meditative Form betrachtet, darf das gerne machen. Ich habe das früher auch ab und zu probiert. Als jemand, der sich aber seit ca. 15 Jahren mit Meditation beschäftigt und viele Formen ausprobiert hat, kann ich sagen, dass Kata die am wenigsten effektive Form der Meditation darstellt, egal bei welcher Zielsetzung. Eine komplett langsam, oder komplett schnell ausgeführte Kata, ganz ohne des SV-Gedanken, kann eine gute Übung sein, aber es gibt effektivere Formen der Meditation.

Der in keiner Form zum Karate gehörende Zen-Gedanke entfernt leichtgläubige Karateka vom Verständnis davon, was Kata wirklich ist (Zen schon mal gar nicht) und bringt unnötige und schädliche Mystifikation mit in das Training.

Wie also schon in allen meinen Artikeln, bitte ich dich darum zu versuchen genau zu verstehen warum du etwas auf eine bestimmte Art und Weise machst, nicht nur in deiner Kampfkunst, sondern auch im restlichen Leben, weil alles zusammenhängt. Und wenn dir jemand eine Regel vorgibt, dann ist es völlig in Ordnung und wichtig nach dem „warum“ zu fragen. Tust du das nicht, wirst du zum blinden Follower, einem Fanatiker, der an der Oberfläche der Dinge hängen bleibt, und egal was du dann machst, früher oder später wird es jeglichen Sinn für dich verlieren. Dem entgegengesetzt wird jede Sache, mit ausreichend Verständnis und Achtsamkeit, dir ihre enorme Tiefe und Schönheit offenbaren.

Danke, dass du den Artikel zu Ende gelesen hast!

Wenn du noch mehr Zusatz- und Hintergrundinfo möchtest, dann trage dich hier mit deiner E-Mail ein.

Deine Daten sind bei mir sicher und werden nicht an Dritte weitergegeben. Niemand mag Spam!

5 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hey Philipp,
    zu diesem Artikel muss ich einfach einen Kommentar schreiben.
    Hatte so ein geniales Erlebnis hierzu. Ich bin vom Glauben abgefallen!
    Habe 2016 im Laufe meiner vielen Dojo Besuche etwas erstaunliches gesehen. Der Trainer war mit seinen Schülern gerade in der Wettkampfvorbereitung. Kata stand auf dem Plan. Am Ende des Training meinte er zu seinen Schülern, „schaut euch das mal an. Ich habe mir eine neuen Rhythmus für Kata XY ausgedacht. Findet ihr nicht auch, dass sie so viel spannender wirkt. Da werden die Kampfrichter sicher gut gucken.“
    Rhythmus ist immer so eine Geschichte. Ich mag Rhythmen. Sie verleihen einer Sache irgendwie ein gewisses Gesicht. Ich laufe meine Kata auch mit Rhythmus. Es macht einfach Spaß^^
    Dabei geht es mir gar nicht so um Anwendung oder jeglichen Sinn des Rhythmus. Kata ist für mich eh nur eine Konstruktion wie im Artikel von Andreas Quast beschrieben (hier die Übersetzung auf meinem Blog).

    http://dermodernebudoka.de/2017/01/01/das-kata-konzept-versuch-eines-neutralen-zugangs/

    Das Thema lässt für mich kaum in diesem Kommentar abarbeiten. Leider kann ich es nicht kurz fassen. Dafür steck ich noch zu wenig im Thema drin weil Rhythmus für mich keine zentrale Rolle in meiner Kata spielt.

    LG Basty

    1. Hey Basty,
      über die von dir beschriebene Situation kann ich nur mit einem Kopfschütteln antworten. Und was den Rhythmus angeht, so mache ich das auch. Meine Kata haben einen Rhythmus, der aber von Mal zu Mal variiert, so wie auch die Fußstellungen und andere Details, was aber bewusst wahrgenommen wird. Es spielt einfach keine zentrale Rolle in der Kata, das ist absolut richtig, und der Artikel gilt all jenen, die aus Unwissenheit dem dennoch eine zu wichtige Rolle zuschreiben.

  2. Man muss sich den Angreifer vorstellen können, sehen können. Danach richtet sich der Rhythmus und die Geschwindigkeit jeder Kata.

    Wenn man das nicht kann, läuft man einfach nur die Kata, der eine schnell der andere langsamer.

  3. Ich hatte dieses Thema vor kurzem im Training und meinte der Rythmus sei irrelevant, wenn man nicht weis warum… als Beispiel habe ich andere „Stilrichtungen“ angeführt die einen anderen Rythmus laufen… irgendwie war das nicht zu greifen für die Teilnehmer. Um die Teilnehmer das mal fühlen zu lassen, sollten sie eine Kata mal „umgekehrt“ zum gewohnten Rythmus laufen (sprich: langsames schnell, schnelles langsam).
    Das war sehr interessant, dass dies ein komplett anderes Gefühl für die Techniken gibt…
    Beispielhaft haben wir dann für verschiede Rythmen der gleichen Stelle unterschiedliche Anwendungen getestet… für einige ein Aha-Effekt!

    1. Und wenn man Kata über ihre kämpferischen Anwendungen hinaus betrachtet, also die Schulung der Körperkontrolle und Kräfteeinsatz etc. dann ist ein langsameres Tempo sogar noch praktischer, weil es die Achtsamkeit und Wahrnehmung verbessert. Ich mache inzwischen alle meine Kata (habe es auf ca. fünf Kata reduziert) langsam.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.