Karate ist kein Universalmittel

Karate kann vieles sein. Zumindest behaupten das viele und ich stimme dem an sich auch zu. Tatsächlich waren die Vielfalt, die Abwechslung, der Reichtum der Karatewelt, einige der Hauptgründe, warum ich überhaupt damit angefangen hatte. Ich wollte etwas machen, das Sinn und Spaß machte, gleichzeitig aber meine Gelenke nicht zerstörte. Es sollte gesund sein und genug Lernstoff beinhalten, damit es mir auch nach Jahrzehnten nicht langweilig werden würde. Es sollte all die Trainingstypen beinhalten, die ich zuvor praktizierte (Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer, Ästhetik), am besten alles in einem! Doch damit ließ ich mich gleich zu Beginn von einem Fehler täuschen, der sich oft durch das Kampfkunsttraining hindurch zieht…

Es ist die Erwartung des Nebeneffektes

Was meine ich mit Nebeneffekt?

Die Nebeneffekt-Erwartung geht Hand in Hand mit dem Unverständnis dafür, wie Training funktioniert. Viele Leute trainieren nicht mehr bewusst und gezielt für ein bestimmtes Ergebnis. Sie erwarten, dass dies und das und jenes ganz automatisch passiert, teilweise schon wenn sie einfach nur im Dojo auftauchen…

Angeblich soll die Verbeugung im Karate Demut und Respekt trainieren, hohe Tritte sollen die Dehnung der Beinmuskulatur verbessern, tiefe Stände steigern die Kraft und das Üben von Luftschlägen soll echte Selbstverteidigungs-Fertigkeiten entwickeln. Ach ja, und die Tatsache, dass du überhaupt Karate trainierst, wird dich ganz bestimmt von deinem Rheuma heilen, denn Japan, Okinawa, Blaue Zone und so… oder?

An meiner Formulierung sollte es schon irgendwie klar sein, dass das alles, zumindest aus meiner Sicht, Quatsch ist. Warum diese und ähnliche Annahmen so realitätsfern sind und wie das gewünschte Ziel eher erreicht werden kann, möchte ich in diesem Artikel detailliert behandeln.

 

Selbstverteidigung

Der Klassiker! Wie oft habe ich bereits darüber geschrieben, dass in den meisten deutschen Karate-Dojos keine Selbstverteidigung gelehrt wird? Und ich bin da bei weitem nicht alleine dieser Meinung. Jeder halbwegs realistisch denkender Karateka weiß das. Aber dann gibt es immer noch die Leute, die Karate-Kid-Fantasien nicht vom realen Leben unterscheiden können. Sie schreiben Dan-Abschlussarbeiten über Elemente im Karate, dichten sich da einen irrsinnigen Scheiß zusammen und glauben, dass sie sich und anderen damit etwas gutes tun…

Man könnte sie in Ruhe ihre Spinnereien ausleben lassen und es wäre OK, denn wir leben in einer sicheren Zeit, wo selbst realitätsfremde Menschen sich selten in echter Lebensgefahr befinden. Das Problem ist aber, dass es inzwischen leider zu viele Leute dieser Art sind und einige von ihnen eröffnen Schulen und vermarkten ihr Bullshido als Selbstverteidigung, selbst im relativ regulierten Deutschland und innerhalb der großen Verbände. Das kann für naive Schüler, im schlimmsten Fall, sogar lebensgefährlich werden!

Sieht nicht elegant aus, aber es funktioniert. In den meisten gewöhnlichen Karate-Dojos findet man so etwas eher selten.

Ich kann da einfach nicht weg schauen und finde, dass es die Verantwortung eines jeden verantwortungsbewussten Kampfkünstlers ist, solche Bullshido-Akteure beim Namen zu nennen (wenn man nach diesem gefragt wird). Außerdem sollte dann erklärt werden, warum dies oder jenes für Bullshido gehalten wird. Ich bin mal eine Zeit lang einer solchen Bullshido-enthüllungs-Seite gefolgt und eines Tages posteten die ein Video von einem wirklich guten Systema-Lehrer, der eine Übung mit Waffen demonstrierte. Aus dem Kontext genommen sah das aus wie Bullshido, wenn man den Lehrer aber kennt, dann weiß man, dass es keine realistische Selbstverteidigungsübung gegen mehrere bewaffnete Gegner war, sondern eine Flow-Übung mit einer weniger offensichtlichen Zielsetzung.
Es geht mir nicht darum jemanden schlecht zu reden, z.B. weil man diese oder jene Person nicht mag, sondern weil sie anderen Menschen indirekt schadet und davon profitiert. Es geht mir gar nicht um die Person! Es geht darum, was diese macht.

Für alle, die SV-orientiert sind, sich aber nicht verarschen lassen wollen: Macht ein „klassisches“ Karate im Sinne von Motobu Choki, Patrick McCarthy, Iain Abernethy, Karate Culture etc., oder besucht spezielle Kurse und erweitert eure Kampfkunst durch die neuen Erkenntnisse! Und ich schreibe hier vom Karate, als wäre es eine Ausnahme, aber den o.g. Unsinn gibt es überall. Ich habe Ju-Jutsu Trainingseinheiten besucht, wo mir Tricks gezeigt wurden, die in der Realität niemals funktioniert hätten. Dieser Quatsch ist, wie schon gesagt, menschlich und damit Kampfkunst-übergreifend. Genau aus diesem Grund gibt es spezielle und Kampfstil-unabhängige SV-Kurse, aber auch da sollte man aufpassen, dass man nicht auf paranoide Freaks trifft. Achtsam trainieren, Freunde!

Und bevor ich falsch verstanden werde: Ich weiß, dass ich manchmal ein bisschen zu radikal schreibe und dass Karate nicht nur nur aus einem Selbstverteidigungsgedanken geübt werden muss. Manche wollen sich einfach nur bewegen oder Spaß in einer Gruppe haben. Das kann ich alles verstehen und gönne es auch allen, die das tun möchten. Wichtig dabei ist nur, dass diese Leute sich absolut dessen bewusst sind, dass sie keine Selbstverteidigung trainieren. Und sie brauchen auch nichts anderes zu erzählen. Mir geht es nur um die Illusionsfreiheit, sowohl bei den Übenden als auch bei den interessierten Laien. Selbstverteidigung funktioniert nur, wenn man jedes mögliche Szenario immer und immer wieder realistisch durchgegangen ist. Luftstöße und unrealistische „Bunkai“-Ideen haben da gar nichts zu suchen.

 

Beweglichkeit

Vor einiger Zeit postete ich ein Video auf Instagram, in dem ich einige Tritte demonstrierte und dazu erklärte, dass ich nur noch Tritte auf Kniehöhe übe. Dies begründete ich damit, dass hohe Tritte in einem realistischen Selbstverteidigungsszenario eine gewisse Beweglichkeit, optimale Bodenhaftung (die nicht immer garantiert ist) sowie locker sitzende Kleidung voraussetzen würden. Für mich sind das zu viele „wenns“ und „abers“, um hohe Tritte als praktisch einzustufen. Die meisten Leute, die ihr Kampfkunsttraining auf einem Selbstverteidigungskontext basieren, würden mir da zustimmen und haben dies auch getan, aber selbst unter ihnen gab es Leute, die trotzdem hohe Tritte üben, weil sie glauben dies würde ihr Beweglichkeitstraining unterstützen. Das stimmt so eigentlich gar nicht.

Das Argument, das auch Iain Abernethy in einer seiner Podcast-Episoden gebracht hatte, basiert auf der Idee, dass die Übung hoher Tritte in einem sicheren Umfeld die Beweglichkeit trainieren würde.

Hier sind zunächst einige Fakten zur Beweglichkeit, vereinfacht und zusammengefasst*:

  • Beweglichkeit ist ein Oberbegriff für Dehnbarkeit und Gelenkigkeit.
  • Dehnbarkeit wird von der Dehnung der Muskeln beeinflusst, Gelenkigkeit von der Bewegungsamplitude eines Gelenkes.
  • Die Bewegungsamplitude der Gelenke ist meistens von der Natur vorgegeben und wird nur von natürlichen Unterschieden des Knochenbaus, zu viel Muskelmasse, Schäden an den Gelenkstrukturen oder Fehlbildungen beeinflusst. Durch Training kann (und sollte) man da nicht allzu viel ändern.
  • Muskeln lassen sich auf bis zu 150% ihrer Normallänge dehnen.
  • Die Muskeldehnung ist temporär. Strukturell findet keine Veränderung in den Muskeln statt, da keine neuen Sarkomere angelegt werden.
  • Bänder und Sehnen sind viel weniger dehnbar und sollten auch nicht gedehnt werden. Sie dienen mehr zur Stabilisierung der Knochenstrukturen.
  • Unter Vollnarkose ist jeder Mensch äußerst dehnbar, da der Schmerzreflex ausfällt. Der Schmerz und die damit verbundene reflexive Anspannung der Muskeln ist wirklich das einzige, was einen Menschen daran hindert jede ihm physisch mögliche Position einzunehmen. Dehntraining ist mit anderen Worten eine stetige Gewöhnung an den Schmerz und eine willkürliche Verschiebung des Eintrittzeitpunktes für den Schmerz. Diese Gewöhnung sollte nur langsam statt finden.
  • Der Versuch eine gewünschte Position (Spagat oder hohen Tritt) zu früh und zu schnell einzunehmen ist oft mit Schmerz verbunden, was den Muskel überreizt und möglicherweise der gewünschten Entwicklung im Weg steht. Dehntraining funktioniert nicht wie Muskelaufbau. Eine Reizung oder Riss kann die Entwicklung um Wochen und Monate nach hinten versetzen und sogar dauerhafte Schäden mit nach sich ziehen. Darum führt auch ein übermäßiges Krafttraining ohne eines begleitenden Dehn- und Entspannungstrainings zur Übertonisierung (ugs. Verkürzung) der Muskulatur.
  • Ein langsames Beweglichkeitstraining, wie z.B. Hatha-Yoga oder vielseitige dynamische (nicht wippende) Dehnübungen sowie Massagen, ELDOA und weitere Stimulationsmethoden des Bindegewebes helfen dabei wesentlich schnellere Erfolge erzielen.
  • Manche klassischen Positionen, wie z.B. der Spagat, lassen sich auch nach jahrelangem, richtigen Training nicht einnehmen, wenn der Knochenbau dies nicht erlaubt. Damit muss man Frieden schließen.

Dies waren die absoluten Basics, die jeder Sportler auf dem Schirm haben sollte. Wer diese Punkte betrachtet, wird logisch schlussfolgern, dass hohe Tritte nur dann ein Beweglichkeitstraining unterstützen können, wenn die für derart hohen Tritte nötige Dehnung (also Schmerztoleranz) bereits gegeben ist.

Hier ein einfacher Tipp für dich, um festzustellen, wie hoch du mit Schwung und Kraft treten dürftest ohne unnötige Verletzungen zu riskieren: Hebe dein Bein ohne Schwung und ohne Veränderung der Oberkörperlage (z.B ein Lehnen nach hinten oder zur Seite, wie so oft bei Mae- und Yoko-Geris zu sehen) auf die maximal mögliche Höhe an und halte es dort für ca. fünf Sekunden. Höher als das solltest du auch nicht mit Schwung treten. Wenn du dennoch höher treten können möchtest, dann solltest du die Beweglichkeit mit den o.g. Methoden langsam entwickeln. Ein Beweglichkeitstraining muss gesondert, gezielt und achtsam durchgeführt werden. Nur so nebenbei und auch mit ungeeignetem Dehntraining wird es leider nicht funktionieren und im schlimmsten Fall zu Verletzungen führen.

 

Charakterentwicklung

Entschuldige bitte, wenn ich immer wieder darauf herum reite, aber ich habe das Gefühl, dass es immer noch nicht so ganz angekommen zu sein scheint:

Durch das Karatetraining ist eine Charakterentwicklung nicht automatisch garantiert.

Auch hier gibt es wesentlich effektivere Methoden, um wahre Charakterentwicklung voran zu treiben, ganz ohne fantastische Vorstellungen und Selbstbetrug. Nur die Verbeugung vor der Halle und vor dem Partner macht dich nicht respektvoller (wie so oft in billigen Werbebroschüren und schlechter Literatur propagiert). Aber die Akzeptanz, dass andere Menschen andere Ansichten haben und diese auch in Ordnung oder sogar richtig sein könnten, tut das schon. Auch die Akzeptanz, dass weder du, noch deine Eltern, noch dein Lehrer oder dein/e Freund/in perfekt sind und es auch nie sein werden – diese Akzeptanz ist ein ganz großer Schritt in Richtung des wahren Respektes. Das übliche Karatetraining lehrt das nicht, nicht nur nebenbei und nicht mal ansatzweise. Da musst du dich schon ganz gezielt damit befassen, die richtige Literatur lesen, achtsam entsprechende Situationen wahrnehmen, deine Komfortzone verlassen und daraus lernen.

Natürlich gibt es dann Leute wie Jens Schaprian vom Shujinko, für die Karate ein Werkzeug für die Charakterschulung ist, und das ganz bewusst. Bei ihm wird zwar eine Kampfkunst und ihre Inhalte betrieben, aber die Selbstverteidigung steht nicht im Vordergrund. Genauso unterschiedlich kann man Yoga für Beweglichkeit und Yoga für Charakterschulung betreiben. Beides ist in diesem Fall Yoga, aber die Zielsetzung ist jeweils eine andere und klar formuliert. So etwas finde ich absolut in Ordnung und sogar sehr gut. Niemand sagt, dass nur Dinge wie Meditation, Psychotherapie oder Ayahuasca einen „erlösen“ können. Alles kann einem dabei helfen zu der eigenen Mitte zu finden, solange es vollkommen bewusst, ehrlich mit sich selbst und im Einklang mit den Regeln dieser Welt gemacht wird. Das ist die zentrale Aussage dieses Artikels.

Meditation ist nur eine Methode, um sein Wohlbefinden zu verbessern und nicht fördernde Charaktermerkmale zu untersuchen. Und nein, Kata ist nicht gleich Meditation in Bewegung, aber sie kann es sein. Zwischen Kata „laufen“ und Kata bewusst ausführen liegen jedoch Welten.

Durchhaltevermögen

1000 Schläge/Tritte hintereinander verbessern auch dein Durchhaltevermögen nicht. Viel eher verschwenden sie deine Energie und lehren dich eine schlechte Technik, denn oftmals geht es bei einem solchen Training um Quantität, nicht um Qualität. Von den 1000 Schlägen/Tritten werden vielleicht zehn gut und 100 ganz OK sein. Der Rest wird qualitativ unter dem gewünschten Ergebnis liegen und das ist dann leider genau das, was deine Muskeln sich merken, denn der Körper merkt sich das, was öfter gemacht wird.

In diesem Fall ist weniger tatsächlich mehr

Was dein Durchhaltevermögen aber wirklich verbessern könnte, wäre ein klares Verständnis deiner Motivation für ein solches Training, bzw. des Ziels auf das hinaus gearbeitet wird.

Hier ein Beispiel aus meinem Leben: Ich musste den Widerstand täglich überwinden und für die Klausur in Statistik lernen, weil ich wusste, dass ich bald mit dem Abschluss fertig sein würde und lieber diese paar Monate ertrage, als weitere Semester, in den ich das Gefühl habe nicht voran zu kommen. Ich lernte, weil ich es musste, aber auch weil ich mir etwas beweisen wollte. Als ich dann bestanden hatte, wusste ich, dass ich alles gelernte bald vergessen würde (weil ich es nicht brauche), doch die Erfahrung, dass ich mich da durchgebissen hatte, hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Das klappt aber im Karate so nicht, da der Trainingsschwerpunkt, also die Schulung einer korrekten Technik, den eigentlichen Eindruck hinterlassen sollte.

Weißt du was dein Durchhaltevermögen verbessert? Zum Beispiel ein Training mit gewichteten Seilen! Damit tust du nicht nur deinem Körper etwas gutes, du verschwendest auch deine kostbare Karate-Trainingszeit nicht. Denn Karate-Zeit ist Karate-Zeit und Ausdauer-Zeit ist Ausdauer-Zeit.

Anders formuliert: Du könntest dein Durchhaltevermögen tatsächlich durch ein schweißtreibendes Karatetraining steigern, aber auf Kosten der spezifischen Technik. Also warum dann überhaupt Karate machen? Das kannst du genauso gut mit einem High Intensity Training, einem Triathlon, einem Marathon, einer Iron Man Challenge oder sogar weniger extremen Beispielen tun. Das sind alles tolle Vorhaben, wenn sie bewusst und für die Gesundheit gemacht werden. Aber Karate ist dann doch etwas anderes und sollte nicht damit vermischt werden, genauso wie du Schach nicht mit Boxen vermischen solltest… Moment mal… das gibt es schon?? Au weia…

Gesundheit

Karatetraining kann sehr ungesund sein. Also darf der Oberbegriff „Karate“ nicht gleich mit Gesundheit gleichgesetzt werden. Wenn ich von sogenannten Senioren-Gruppen höre, die ihre Gesundheit aufbessern, weil sie Karate machen, dann weiß ich, dass sie kein Karate machen. Sie führen nur aus den Kampfkünsten entnommene Bewegungen aus, aber keine Kampfkünste an sich. Bewegung ist gesund, vor allem wenn sie vielseitig ist. Aber genauso können diese Bewegungen, wenn durch einen ungebildeten Lehrer vermittelt, den Gelenken und Bandstrukturen** schaden. In vierten Teil meines Artikels über den Kiba-Dachi hatte ich detailliert beschrieben, wie eine falsche Ausführung dieses Standes den Kreuzbändern und Menisken im Knie schaden könnte. Das ist nur ein Beispiel von vielen Irrwegen des Karate. Sicherlich fallen dir auch andere ein, wie die besonders tiefen Stände über eine lange Zeit…

Auch hier gilt es achtsam zu sein. Gehorsam allen Anweisungen zu folgen, ohne genau zu wissen was man macht, ist auf Dauer weder für deinen Körper, noch für deinen Geist gut.

Wenn du gesund sein möchtest, dann ist Karate oder eine sogenannte äußere Kampfkunst nicht die beste Wahl für dich. Die Klassifizierung in äußere und innere Kampfkünste ist, aus historischer und praktischer Sicht, ziemlich inkorrekt, aber für den Anfänger reicht es durchaus ganz oberflächlich zu sagen, dass die äußeren Kampfkünste Messwerte und Leistung (Kraft, Dehnbarkeit, Schnelligkeit) mehr schätzen, während die inneren Kampfkünste wie z.B. Tai-Chi oder Yiquan sich eher auf das Gefühl, Entspannung und die verschiedenen Zustände im Körper konzentrieren.

Nun betreibe ich ja auch Karate, aber es sieht ganz anders aus, als das übliche Karate. Deshalb rede ich, um keine Verwirrung zu stiften, ganz allgemein von Kampfkunst oder Budô… doch auch das trifft leider nicht immer auf Verständnis.

Ich mache meine Kampfkunst, wenn es mir um Gesundheit geht, so wie es mir passt. Also ein Karate, bei dem mich die Leute an einem Tag fragen, ob das Kickboxen sei und an einem anderen Tag verwechseln sie es mit Tai-Chi. An manchen Tagen habe ich überschüssige Energie und möchte diese loswerden, an anderen Tagen möchte ich mich erholen und mich mehr auf das Gefühl fokussieren.

Es ist egal wie es aussieht, Hauptsache es ist bewusst.

Wann immer mir etwas weh tut, halte ich inne und frage mich, was ich falsch gemacht haben könnte. Ich hinterfrage meine Methoden und suche nach neuen Möglichkeiten, während ich mir Zeit zum Heilen nehme. Sprüche wie „ach, das ist doch nur ein Kratzer“ oder „heul nicht rum“ sind für mich ein klares Zeichen von Machoismus und tief verwurzelter Unsicherheit. Sie haben nichts in meinem Training zu suchen! Aber noch besser als der richtige Umgang mit Verletzung, ist ein vorbeugendes Training. Darum mache ich zur Mobilisierung auch Yoga und andere Bewegungsdisziplinen, anstatt zu hüpfen und zu wippen wie ein Hampelmann.

Fazit

Ich kann manchmal sehr faul sein. Erst vor kurzem traf ich mich mit einem Freund zum gemeinsamen Training und in der Zeit hatten wir mehr geredet und herum gealbert, als aktiv zu trainieren. Hin und wieder ist das OK so. Anstatt die ganze Zeit etwas zu machen, nur um bloß Pausen zu vermeiden, machten wir uns Gedanken über den Sinn und Unsinn bestimmter Übungen. Und wenn uns nichts einfiel, dann machten wir auch nichts, genossen die Unterhaltung und lachten. Also: Ich kann wirklich faul sein. Und ich verstehe es sehr wohl, wie schön die Vorstellung ist, dass man sich Dinge nebenan aneignen könnte. Wie sehr würde ich es mir wünschen wie Neo ein Programm in das Gehirn heruntergeladen zu bekommen und nicht jahrelang für eine Sache trainieren zu müssen. Aber so geht das leider nicht.

Wenn du beweglich sein möchtest, dann mache ganz gezielt ein Beweglichkeitstraining.

Wenn du fit sein möchtest, dann trainiere deine Muskulatur ganzheitlich und durch ganz spezielle Übungen, achte auf deine Atmung, deine Ernährung, deinen Schlaf…

Wenn du lernen möchtest dich zu verteidigen, dann trainiere ganz bewusst mit diesem Konzept im Sinne. Schaue dir ganz objektiv an, was funktioniert und was nicht funktioniert und sei in deiner Herangehensweise so realistisch wie es nur geht.

Wenn du deinen Charakter verbessern möchtest… dann viel Erfolg, denn zuerst sollte dir klar werden, dass es nichts gibt, was besser gemacht werden sollte. Viel eher müsstest du das Bestehende akzeptieren und zu deiner Stärke machen. Und wenn es sein muss und deiner Vorstellung von deinem besten Selbstbild entspricht, werden die Dinge sich schon ändern. Wenn du dann soweit bist, kann alles zu einem unterstützenden Werkzeug werden.

Wenn du Karate trainieren möchtest, dann sei dir deines Ziels einfach nur bewusst. Karate sollte nicht nur Spaß machen und es sollte kein Zeitvertreib sein, denn dafür gibt es Netflix und Computerspiele (und diese mag ich auch!). Natürlich darf und sollte es Spaß machen, dieses aber nicht der Hauptschwerpunkt sein, sofern es nicht deine Absicht ist. Das Ziel vom Karate ist das Erlernen einer kampfspezifischen Bewegungskunst. Wie du es übst, ist komplett dir überlassen, solange du genau weißt, was du machst und dann auch ehrlich mit dir selbst bist.

 



* Ich danke meinem Bekannten, Tim Ide, der Karateka und Physiotherapeut ist, für seine Revision und Input zu diesem Thema.

** mit dem Oberbegriff Bandstrukturen meine ich Bänder, Sehnen, Nerven und Faszien (Bindegewebe)

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