Kiba Dachi – Eine kritische Auseinandersetzung, Teil 3

Im ersten Teil dieses Artikels erklärte ich welche zwei Formen des modernen Kiba Dachi es gibt und warum eine der Formen für die Knien der meisten Karateka schädlich sein könnte. Im zweiten Teil ging ich noch ein wenig auf den Kontakt zum Fußboden ein, nannte einige mögliche Ursachen für den Irrtum und tauchte etwa 50 Jahre zurück in die Geschichte ein, als die JKA ihre „Goldenen Jahre“ erlebte und ihr wettkampforientiertes Karate auf der ganzen Welt popularisierte.

In diesem Teil geht es noch weiter zurück in die Geschichte, um etwa 80-90 Jahre, noch bevor es die JKA gab, als Nakayama noch die Grundschule und Nishiyama den Kindergarten besuchten (ungefähre Schätzungen, keine Fakten ^^), nämlich die Zeit von Gichin Funakoshi und Choki Motobu. Und wo wir schon dabei sind, können wir auch gleich Anko Itosu mit einbeziehen.

Anmerkung: Wie schon im letzten Teil, ist die Nummerierung der Abbildungen fortlaufend.


Springe zu einem anderen Teil:


Ist die gepriesene Stabilität nur eine Illusion?



Schauen wir nun noch tiefer in die Geschichte. Hier ist Gichin Funakoshi bei seiner Demonstration der Tekki Shodan abgebildet:

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Abb. 8: Gichin Funakoshi demonstriert die Kata Tekki Shodan. Fotos entnommen aus Karate Do Kyohan*

Naihanchi (auch Naifanchi, Naifunchin u.a.) ist eine Kata aus dem Shorin-ryu, die vermutlich aus Fuzhou nach Okinawa importiert wurde. Sie wird im Naihanchi Dachi, einer Fußstellung, die irgendwo zwischen Kiba Dachi und Heiko Dachi liegen soll, ausgeführt. Es fällt auf, dass Funakoshi hier eher einen Shiko Dachi macht, denn nicht nur seine Knie, sondern auch seine Füße zeigen nach außen.

Es folgen nun drei  Fotos von Choki Motobu aus seiner Demonstration der Kata Naihanchi:

Abb. 9: Choki Motobu bei seiner Demonstration der Naihanchi. Fotos entnommen aus "Watashi no Karate-jutsu"**

Abb. 9: Choki Motobu bei seiner Demonstration der Naihanchi. Fotos entnommen aus Watashi no Karate-jutsu**

Das Problem bei diesen Fotos ist, dass man den Meister nur frontal sehen kann. Man könnte fast meinen, er würde seine Knie nach außen drücken. In seinem Buch Watashi no Karate-jutsu schrieb Choki Motobu jedoch, dass er natürliche Stände bevorzugte (Motobu 2006: 32, 96) und wie wir bereits festgestellt haben, ist es für die meisten nicht natürlich die Knie nach außen zu drücken. Wenn man sich nun im Naihanchi Dachi einem Spiegel gegenüber stellt, wird man feststellen, dass es genauso aussieht wie auf den Fotos, selbst wenn man in den Knien keine Spannung nach außen hin aufbaut. Auffällig ist außerdem, dass in den Texten damaliger Zeit nirgendwo eine Anweisung dazu, die Knie nach außen zu drücken, vorzufinden ist (vgl. Funakoshi 2005: 23).

Beschäftigt man sich weiter mit dem Naihanchi Dachi, so erfährt man, dass es drei verschiedene Möglichkeiten gibt die Füße zu positionieren und bei jeder Variante gibt es genug Lehrer, die auf ihre jeweilige schwören. Die Positionen sind nach vorne, wie beim Heiko Dachi, wenn die Füße parallel zueinander stehen; leicht nach außen, wie im Shiko Dachi und leicht nach innen, jedoch nicht ganz so weit wie in manchen Varianten des Sanchin Dachi. Man sollte dabei beachten, dass man früher nicht sagte „Naihanchi Dachi mit den Zehen nach außen“, sondern einfach „Shiko Dachi“. Die Höhe des Standes spielte keine große Rolle und Naihanchi Dachi schien ein inoffizieller Name für eine Fußstellung zu sein, weil es sie an sich nicht gab. Das Konzept von Ständen, wie wir es heute kennen, war früher eh nicht so verbreitet. Es gab, in diesem Fall, nur einen Kiba Dachi, einen Shiko Dachi und eine Fußstellung mit den Zehen nach innen, die man letztendlich offiziell als Naihanchi Dachi deklarierte, aber vermutlich auch nur weil sie von Itosu bevorzugt wurde und Itosu vieles bewegt hatte.

Es gibt auch Schulen, in den die Füße beim Naihanchi Dachi zu 45° nach innen zeigen müssen. Dan Drurdjevic hat dazu einen ausgezeichneten Artikel geschrieben, in dem er erklärt, warum diese Fußstellung nichts mit der Geschichte des Naihanchi Dachi zu tun hat und warum sie weder funktionell, noch natürlich ist. In diesem Artikel (abgerufen am 23.09.16) schreibt er außerdem, dass eine Position mit den Zehen nach innen, bzw. nach außen einer seitlichen Bewegung entgegengesetzt wirkt. Man müsste also unnötige Bewegungen machen und Kraft aufwenden, um sich einfach nur seitlich bewegen zu können, so wie es in Naihanchi/Tekki verlangt wird. Am natürlichsten ist so eine Bewegung, laut Djurdjevic, wenn die Füße nach vorne zeigen. Ähnlich verhält es sich, wenn man die Knie nach außen drückt, denn auch diese Position behindert eine seitliche Bewegung.

In einem älteren Artikel (abgerufen am 23.09.16) erklärt Dan, dass er unter einem natürlichen Stand einen Stand versteht, der biomechanisch korrekt ist und nicht etwa einen Stand, den man beim warten in der Schlange einnimmt.

Aber wie kommt Itosu darauf die Fußstellung mit den Zehen nach innen zu praktizieren? Itosu war, laut Funakoshi, „von durchschnittlicher Größe, aber seine enorme Brust verlieh ihm das Aussehen eines Fasses“ (Funakoshi 2000: 39). Er soll außerdem sehr kräftig gewesen sein und wurde vom legendären Matsumura Sokon unterrichtet. Doch Matsumura war nicht sehr begeistert von ihm und auch Itosu war unzufrieden mit dem Training, weshalb er den Lehrer wechselte und später bei einem gewissen Nagahama/Nakaima trainierte (Legel 2014, abgerufen am 23.09.16). Dieser war scheinbar ein Lehrer des Naha-te, zu dem Stile wie Goju-ryu, Uechi-ryu und Tôon-ryu gehören. Naha-te zeichnet sich u.a. durch einen besonderen Fokus auf die körperliche Konditionierung aus. Also trainierte Itosu bei Nagahama, bis der Lehrer, auf dem Sterbebett liegend, ihn dazu anwies wieder zu Matsumura zurück zu kehren und bei ihm weiter zu trainieren. Es sollte also nicht überraschen, dass Itosu bei seinem Trainingsverlauf und seinen körperlichen Voraussetzungen so viel Wert auf Kraft legte. Anhand dieser Details, könnte man schlussfolgern, dass er den Naihanchi Dachi so modifizierte, um die innere Oberschenkelmuskulatur betont zu trainieren.

Itosu legte also einen ganz besonderen Wert darauf die Kraft der Innenmuskulatur durch das Eindrehen der Zehen im Naihanchi Dachi zu trainieren und so scheinbar für eine größere Stabilität zu sorgen. Darüber schien sein Lehrer nicht sonderlich begeistert zu sein, denn als Motobu Choki Matsumura über Itosus Naihanchi ausfragte, erklärte er ihm, dass er Itosus Methode für bedenklich und leicht überholbar hielt. Choki selber sagte, dass Itosus Fußstellung instabil war und ein leichter Schubs mit den Fingerspitzen von hinten könnte die Person zum Fall bringen (vgl. Stephan Yamamoto im ersten Teil des Artikels). Seiner Meinung nach würde diese Fußstellung einfach nicht funktionieren, wenn ihr Kraft beigesteuert wird (Motobu 2006: 89). Mit anderen Worten sagte er, dass man Naihanchi weder mit Druck nach außen, noch nach innen machen sollte. Eine weitere prominente Stimme für den vorderen Kiba Dachi.

Wenn man im Naihanchi Dachi, bzw. Kiba Dachi den Druck nach innen aufbaut, bleibt die äußere Oberschenkelmuskulatur relativ entspannt und blockiert damit die Hüften nicht so sehr, zumindest im Vergleich zur aktiven Außenspannung im seitlichen Kiba Dachi.

In seinem Buch Shotokan Myths beschreibt Kousaku Yokota, dass die zentrale Bedeutung der Naihanchi die o.g. Innenspannung der Oberschenkelmuskulatur sein könnte und zieht Rückschlüsse aus der Übersetzung des Namens, denn nai soll „innen“ bedeutet. Das kann allerdings auch auf die Nahkampftechniken der Kata, sowie auf die aktiv verwendete Rumpfinnenmuskulatur bezogen sein (Yokota 2015: 90). Ich persönlich würde auf all die anderen Interpretationen setzen, nur nicht die der Innenspannung, denn die Kata und ihr Name sind älter als die wahrscheinlich von Itosu eingeführte Methode der Innenspannung (vgl. Legel 2014).

Kenji Tokitsu sagte in einem Interview, dass die echte Naihanchi wahrscheinlich verloren gegangen ist und nur noch Itosus Turn-Variante übrig geblieben ist. Weiter zitiert er Shinken Gima, einen Schüler Itosus, der ihm folgendes über Itosus Naihanchi erzählte: „Seine Naihanchi war schrecklich. Ich habe noch nie eine derart ungewöhnliche Naihanchi gesehen.“ (Tokitsu 2003: 46, übers. v. P.S.).

Was haben nun Naihanchi und die Innenspannung mit diesem Artikel zu tun? Wenn man sich die vielen Varianten und Irrtümer, Veränderungen und Neuinterpretationen in der Geschichte der Naihanchi anschaut, kann man sich denken, dass diese Wandlung nicht mit Itosu aufgehört hat. Als sein Schüler, Gichin Funakoshi, von Okinawa nach Tokio zog, um Karate an den Universitäten zu unterrichten, veränderte er viele Namen der Kata und „japanisierte“ sie, da die chinesischen Originalnamen für die extrem nationalistisch eingestellten Japaner nicht so schön klangen. Kushanku wurde zu Kanku („Himmelsblick“), Wanshu zu Empi („Schwalbenflug“), Naihanchi zu Tekki („Eiserner Reiter“) usw.

All diese Namen hatten durch die Umbenennung neue, poetische Übersetzungen erhalten und aufgrund dieser neuen Übersetzungen schrieben die nicht eingeweihten und historisch ungebildeten Nachfolgegenerationen den Kata neue Bedeutungen zu.

So wurde z.B. aus einer entspannt ausgeführten Passai, die ursprünglich nichts mit dem Erstürmen einer Festung zu tun hatte, eine sehr dynamische und verspannte Kata (vgl. Apsokardu 2014, abgerufen am 18.09.16). Natürlich gingen dadurch viele wichtige Inhalte der Kata, zugunsten der Optik, verloren. Ähnlich geschah es auch mit der Tekki, die wörtlich übersetzt „Eiserner Reiter“ bedeutet. Wenn man diesen Namen hört, drängt sich möglicherweise das Bild eines sehr starren, stabil im Sattel sitzenden Reiters auf. Legt man nun dieses Bild und Itosus Veränderung des Naihanchi Dachi zusammen und verfeinert das Ganze mit den möglicherweise durch Yoshitaka Funakoshi (Gichins Sohn) eingeführten, sehr tiefen Fußstellungen, sowie der vergangenen Zeit, so kann man sich denken, dass irgendjemand die Richtung der Spannung, die vielleicht von vornherein gar nicht Bestandteil der Naihanchi war, verwechselte und aus der Innenspannung eine Außenspannung wurde. Einige Gedanken dazu, wie es dazu gekommen sein könnte, habe ich bereits im zweiten Teil dieses Artikels aufgeführt.

Der „Reiterstand“?



Weg von der Geschichte, hin zur Etymologie!
Warum nennen wir diese Fußstellung eigentlich „Reiterstand“, wenn wir dabei nicht aussehen wie Reiter? Schauen wir uns mal unterschiedliche Darstellungen einiger Reiter an:

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Abb. 10: Reiterinnen im westlichen Stil, Seiten- und Rückenansicht. Die Knie zeigen immer in die gleiche Richtung wie die Füße, egal ob nach vorne oder nach außen.

Abb. 11: Westliche Reiterin, Frontalansicht. Die Füße zeigen nach außen, Knie auch. Beine sind breit, aber nicht Kanazawa-, oder Bertel-breit.

Abb. 11: Westliche Reiterin, entspannt. Die Füße zeigen nach außen, Knie auch. Die Beine sind breit, aber nicht so breit wie auf den Fotos mancher besonders „tüchtigen“ Karateka.

Abb. 12: Westliche Reiterin im dynamischen Spiel. Knie und Füße zeigen nach vorne. Beine sind nicht zu weit auseinander.

Abb. 12: Westliche Reiterin im dynamischen Spiel. Knie und Füße zeigen nach vorne. Beine sind nicht zu weit auseinander.

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Abb. 13: Westlicher Sportreiter im dynamischen Rennen. Stand ist sehr hoch und schmal, Füße und Knie zeigen nach vorne.

 

Nun mag einer meinen, dass die modernen westlichen Reiter ganz anders sitzen, als die alten Kriegsreiter Japans, die für den Namen Tekki als Inspiration gedient haben könnten. Schauen wir uns dazu ein Foto, welches auf einer Yabusame-Vorführung geschossen wurde, an. Yabusame ist eine alte Kunst des Bogenschießens beim Reiten, die für das Training der Samurai eingeführt wurde. Es ist eine der traditionellsten Kunstarten Japans:

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Abb. 14: Yabusame-Reiter im dynamischen Ritt. Knie und Füße zeigen nach außen; die Beine sind so breit wie beim üblichen Kiba-/Shiko-Dachi.

Wenn die bisher gebrachten Argumente nicht überzeugend genug waren, dann vielleicht diese zahlreichen Beispiele von Reitern aus den verschiedensten Bereichen? Klar ist, dass die Richtung der Knie und der Füße beim Reiten übereinstimmt. Außerdem variiert die Breite der Beine je nach Art der/s Reitkunst/-sportes, wobei nirgendwo die Knie auch nur annähernd auf Höhe des Beckens sind. Darf ich an dieser Stelle behaupten, dass ein besonders tiefer Kiba Dachi absolut null Sinn macht und nur zum Zweck der Angeberei (für was eigentlich?) dient?

Abschließend, ein Zitat von Stephan Yamamoto:

„Wir reiten auf Pferden, nicht auf Nilpferden.“

 



Der dritte Teil ist zu Ende und einer kommt noch. Darin geht es einzig und allein um die Anatomie des Knies. Da geht es so richtig tief in die Materie und wer bisher von den genannten Informationen und Warnungen nicht überzeugt war, wird im nächsten Teil verstehen, warum ein seitlicher Kiba Dachi, also der mit lateralem Druck auf die Knie, für die meisten Menschen ungesund ist. Und warum er für manche genau das Richtige ist…

 

Literaturquellen: Siehe hier.


* Die im Artikel verwendeten Bilder von Gichin Funakoshi stammen von eigens angefertigten Scans aus dem Buch Karate Do Kyohan (Neptune Publications Version). Die Erlaubnis diese Scans zu verwenden wurde mir freundlicherweise vom Rechteinhaber Paul L. Argentieri erteilt. Bitte die Bilder nicht ohne Erlaubnis verwenden.

** Die im Artikel verwendeten Bilder von Choki Motobu stammen von eigens angefertigten Scans aus dem Buch Watashi no Karate-jutsu („Karate – My Way“. Übersetzt von Patrick und Yuriko McCarthy). Die Erlaubnis diese Scans zu verwenden wurde mir freundlicherweise vom Rechteinhaber Patrick McCarthy erteilt. Bitte die Bilder nicht ohne Erlaubnis verwenden.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Nirgendwo lässt sich ein klarer Hinweis (samt Begründung) auf das Drücken der Knie nach außen finden.
  • Fußstellungen wurde früher keine so große Bedeutung beigemessen, wenn sie den gleichen Prinzipien folgten (Innenspannung vs. Außenspannung), deshalb war es den alten Meistern relativ egal, ob die Füße mit den Knien nach vorne oder nach außen zeigten. Und falls es ihnen nicht egal war, dann hatte dieses Detail eine eigene Bedeutung und war ein Merkmal der jeweiligen Lehre.
  • Anko Itosu war möglicherweise dafür verantwortlich aus der originellen Naihanchi eine Art Fitnessübung gemacht zu haben, mit einer Überbetonung der Innenspannung der Oberschenkelmuskulatur. Dies ist eine Besonderheit seiner Herangehensweise und zeugt nicht notwendigerweise von großer Kompetenz.

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